Sonntag, 6. April 2014

Z' Züri schiint d' Sunne - Zürich Marathon 2014

Durch die schnellste Stadt der Schweiz laufen und (the) "BEST TIME OF YOUR LIFE!" erreichen bzw. erleben - das kann man laut Zürich-Marathon-Logo am ersten April-Wochenende in der Stadt am Zürichsee. Gemäss Statistik gab's in der 13-jährigen Geschichte nur zweimal nasses Aprilwetter.
In Zürich soll die Sonne scheinen - so, wie es der bekannte Spruch zum Imitieren des Zürcher-Dialekts behauptet - und dies nicht nur was das Wetter anbelangt!


Eine Bestzeit streben Andi und ich diesmal nicht an. Wir stellen uns einen ähnlich locker-genussvollen Erlebnis-Marathon vor wie im Januar in Dubai. Wir wollen auch bei der Marathon-Première der beiden lätti runners Diana und Cornel, sowie Andi's ehemaligem Arbeitskollegen Patrick mitfiebern.

Per 6:02 Uhr Intercity-Zug reisen wir mit Cornel von Bern nach Zürich. Langsam wird es hell, letzte Regentropfen klatschen an die Wagon-Fenster.



Vor Ort sehen wir uns den Startbereich an, bummeln ein paar Schritte am Wasser, versuchen auf der anderen Seeseite den Wendepunkt in Meilen auszumachen und uns darauf einzustellen, dass wir bald zu einem Lauf starten werden, der bis am Mittag dauern wird!



Es ist feucht und grau, die fröhlich gelben Liegestühle wirken völlig fehlplatziert, nebliger Dunst verhüllt das andere Zürichsee-Ufer, die Boote schlummern unter ihren Abdeck-Planen, doch langsam regt sich buntes Leben am Mythenquai. 




Beim Bahnhof Wollishofen steht eine Reihe Güterwagons zur Gepäckaufbewahrung bereit, und das Gewusel beim nahen Tennisplatz gleicht bereits dem Betrieb in einem Bienenstock. Wir verstauen Jacken und Trainerhosen, und finden die frische Morgen-Temperatur ganz angenehm, da kein Lüftchen weht.

Andi und Cornel schwärmen beim Einlaufen von den tollen Wetter-Bedingungen und dem guten Laufgefühl. Spielend beschleunigen sie ein paar Mal auf die geplante Marathon-Geschwindigkeit. Cornel will es beim ersten Mal gleich mit sub 3:30 Stunden versuchen, und unser "Notfall"-Kurzaufbau-Plan hätte uns auf eine Pace von 4:58 bis 4:55 Min/km (3:29-3:27 Stunden) vorbereiten sollen.

Ich spüre, dass diese Zielzeit für mich einem fantastischen Traum gleichkommt. Es ist nicht mein Tag, der Puls ist zu hoch, die Spannung im Kreuz zu schmerzhaft, es "läuft" harzig, die Schritte lassen sich nicht lang ziehen... Ein Déjà vu - das selbe Gefühl wie beim Florenz Marathon im November und dem 3 x 5000 Meter Intervall vor gut zwei Wochen! 



Es ist Zeit sich an den Start zu begeben. Der Leistungsfähigkeit entsprechend gibt es verschieden gefärbte Startnummern - rote, graue, gelbe, blaue und grüne. In dieser Reihenfolge soll man sich einreihen. Bunt gemischt strömen Sportler zwischen das unüberwindbar hohe Gitter, zu dem es hinten und vorne einen Eingang gibt.  

Wir benutzen mit unseren grauen Nummern die vordere Lücke im Zaun und landen im Nummern-Salat. Keiner hat eine Ahnung, wo sich die einzelnen Farben genau platzieren sollen. Plötzlich entsteht Hektik, wir werden wie eine Herde Vieh zurückgetrieben, weit hinter die Tore mit der laufenden Uhr bis zu einem aufblasbaren Bogen, denn dort liege die Startzeit-Messmatte!

Kaum haben wir ein paar Schritte hinter die Startlinie gemacht, zählt der Speaker die wenigen Sekunden bis zum Startschuss hinunter. Solch eine Hektik bei einem internationalen Marathon!

Schnell wünschen wir einander Glück - 3 - 2 - 1 - Peng - es geht los! Das Läuferknäuel bewegt sich wieder vorwärts. Kurz stockt der Fluss beim Durchqueren der Finish-Line-Tore, dann ist der Weg frei. Ungebremst ergiesst sich der bunte Strom der 2'800 Marathonis auf das breite Mythenquai.

Ich reihe mich hinter Andi und Cornel ein, da ich hoffe, doch noch ins geplante Tempo zu finden wie bei der Hauptprobe vor elf Tagen. Die Start-Euphorie reisst uns mit, schon geht es ums Seebecken, dem Bürkliplatz entgegen, das erste Kilometerschild taucht auf - 4:36 Min. - das ist mir zu abenteuerlich! Ich wünsche Andi und Cornel alles Gute und bremse.

Auf der Quaibrücke überqueren wir die Limmat und biegen beim Bellevue-Platz zu einer Wendeschlaufe durchs Seefeldquartier ab. Der Startschuss fällt in Zürich bereits um halb neun Uhr. So früh erwacht die Stadt erst aus dem sonntäglichen Dornröschenschlaf, und es hat hier etwas abseits des Zentrums noch kaum Publikum.
Nichts stört meine Konzentration auf Pace und Puls. Nach drei Kilometern habe ich das 4:58 Min/km-Tempo gefunden. Der Puls klettert jedoch unaufhörlich und erreicht bereits die Frequenz, welche ich beim letzten Marathon kurz vor dem Endspurt registrierte. 

Bei der Stille am Streckenrand lenkt auch kaum etwas vom Ziehen in Kreuz und Hamstrings ab. Ich muss der Tatsache ins Auge sehen, dass es sich um mehr als nur eine Verspannung handelt. 
In den Tapering-Tagen, die zur vollständigen Erholung führen sollten, bin ich trotz Physio, Massage, Säure-Basen-balancierter Ernährung, viel Schlaf, Abwarten und Tee-Trinken etc. erneut in einen Schmerz-Schub geschlittert. Mein "blinder Passagier", welcher seit Wochen mit mir Berg- und Talbahn fährt, dem ich noch keinen Namen geben will, den der Rheumatologe aber "Rheuma" nennt, zieht momentan zu viel Energie ab. Jeder einzelne Schritt fühlt sich an, wie ein leichter, schmerzhafter Schlag. 

Nach gut fünf Kilometern durchlaufen wir beim Bürkliplatz den hübschen Sonnen-Bogen des Elektrizitätswerkes von Zürich. Mir ist nun sonnenklar, dass ich meinem Körper heute keinen Lauf auf Zeit zumuten darf! 



Viel früher als in Florenz reduziere ich auf möglichst effizientes "Wohlfühl-Tempo" und plane den Puls etwa bei etwa 155 Schlägen/Minute "einzufrieren". Ich nehme mir vor, die Anstrengung für den Rest des Laufes konstant zu halten, die Geschwindigkeitsanzeige nicht mehr zu beachten und hoffe, dass das ziehende Missempfinden nicht stark zunehmen und wenigstens ein überlanger Longrun gelingen werde.
Vom Sonnen-Bogen lasse ich mir einen Energieschub versetzen, ich krame den Fotoapparat hervor und versuche trotz der Enttäuschung die Schönheiten dieses Marathons zu sehen, bin gespannt auf die Geschichten, die er mir erzählen und die Lektionen, die er mich lehren wird. 




Auf der eleganten Bahnhofstrasse flanieren heute keine Touristen an teuren Warenhäusern und Boutiquen vorbei. Als Erstes muss ich loslassen. Einen Moment schmerzt es, die Läufertraube um die 3:30er Pacemaker ziehen zu lassen und von der heutigen Traumzeit Abschied zu nehmen. 



Die enge Schützengasse ist der Scheitelpunkt der Spitzkehre Richtung Bahnhof und überrascht uns mit prächtigen in voller Blüte stehenden rosa Kirschbäumen.



Noch sind wir Läufer die einzigen Farbtupfer am Ufer des Sees. Die Landschaft bleibt hartnäckig verhüllt in dunstigen Grautönen. Die schnellsten Teilnehmer des 10-Kilometer-Cityruns laufen jetzt von hinten durch's Feld. Sie tragen alle die selben leuchtmarker-gelben Shirts mit aufgedruckter persönlicher Startnummer. 



Bevor der Schwarm der 10 Minuten nach uns gestarteten 2'400 City-Runner und der fast 900 Teamrun-Vierer-Mannschaften zu dicht wird, gelangen wir nach gut 9.5 Kilometern zurück zum Ausgangspunkt. Nach dem Durchlaufen des Marathon-Tors geht unser Lauf erst richtig los.



Viel Geschwindigkeit habe ich noch nicht eingebüsst - bereits nach 50:40 Minuten sind die ersten 10 Kilometer um. 

Die Strecke bleibt für vier Kilometer die selbe wie auf der ersten Runde. Die Zuschauer finden langsam an die Strecke. Mytenquai, Bürkliplatz, Quaibrücke und der Verkehrs-Knotenpunkt Bellevue sind deutlich belebter.




Als wir auf der Seestrasse in Zollikon "Neuland" betreten ist das erste Drittel bereits geschafft!



Einen Kilometer weiter geniessen wir in Küsnacht See-Aussicht. Zum Laufen ist der feuchte Grau-Schleier ja ganz angenehm, er verhüllt aber leider die Aussicht auf die Voralpen.



Langsam tut sich etwas auf der Gegenfahrbahn, Helfer stellen orange Pylonen auf, machen die Bahn frei für die Elite, die bereits auf dem Weg zurück in die Stadt ist. Immer häufiger dürfen wir auf musikalische Unterstützung zählen.




Die Spitzenläufer preschen vorbei als ich 19 Kilometer weit gekommen bin - selber haben sie schon über 30 bewältigt!  



Ohne Gesellschaft ziehen sich die Kilometer der Goldküste entlang. Mein Laufstil ist eckig. Aber ein Lächeln für's Publikum muss drin liegen. Es kommt doppelt zurück! Und heute ist jedes Krümelchen gespendete Energie hochwillkommen. 



In Erlenbach liegt das erste der drei spürbaren Hügelchen auf dem schnellen Marathon-Kurs im Weg.




Das 20 Kilometer Schild passieren wir locker abwärts rollend.


Zehn Minuten nach den schnellsten Männern taucht die erste Frau auf.



Das Fotografieren lenkt mich ab und löst beim Publikum überraschend oft Erstaunen aus. Der Jubel dieser jungen Leute trägt mich bis zur Halbmarathon-Marke, die ich nach 1:48:49 Stunden erreiche (Pace 5:09.5 Min./km). 



Es fühlt sich gut an, die Hälfte geschafft zu haben, wenn die Schritte mit konstantem Pulsaufwand auch immer kürzer werden. Lange versinke ich nicht ins Grübeln, ob es richtig war zu starten und was dieser Lauf für Folgen haben wird. Das Laufgefühl ist zwar alles andere als erhebend, doch ich bin dankbar überhaupt dabei sein zu können und geniesse, was es zu geniessen gibt!



Das Rennen auf der Gegenfahrbahn zu verfolgen ist spannend. Den Schweizer Stars scheint die Jagd auf die EM-Limite zu glücken. Der Läuferstrom schwillt an, die Farben der Startnummern wechseln, auf die Roten (sub 3:05 Läufer) folgen ein paar Graue (Leistungsvermögen bis 3:25 Stunden) und einzelne Gelbe sind auch schon dabei (Zielzeit sub 3:47 Stunden). 

Ich scanne das Feld nach Andi und Cornel ab. Einen knappen Kilometer vor dem Wendepunkt tauchen die beiden so unvermittelt auf, dass ich sie beinahe verpasse. Locker laufen sie nebeneinander und sehen fit und glücklich aus.



Schräge Pauken- und Trompeten-Klänge geben in Meilen auf der Wendeschlaufe den Rhythmus vor. Auf der Winkelstrasse geht es ein paar Höhenmeter aufwärts und durch ein Festzelt. Die Dorfstrasse führt uns wieder hinunter auf Seeniveau.  






Eben noch habe ich die entgegenkommenden schnelleren Läufer neidisch beobachtet. Jetzt liege ich vorne, 25 Kilometer sind geschafft, und ich bin froh, dass mir die 3:45 Stunden Pace-Makerin noch nicht allzu dicht auf den Fersen ist.



Feldmeilen - noch 15 Kilometer bis ins Stadtzentrum! Nicht rechnen! Nicht versuchen dem See entlang bis zur Stadt zu spähen, sie liegt noch in weiter Ferne! Einfach laufen, Schritt für Schritt! Ach wie ich das letzte Drittel herbeisehne, nach der 32 Kilometer-Marke im Training nie gelaufene Distanzen zu erreichen, und damit einen Grund zu haben, dass sich das vorwärts Kommen mühsam anfühlt!

Kurz hinter den 4-Stunden-Pacemakern entdecke ich Diana. Sie hat sich vorgenommen ihren ersten Marathon mit einer Geschwindigkeit von 5:50 Min./km zu laufen. Ihr Plan scheint aufzugehen, sie strahlt! Und ihr übermütiges "Ciao bella" klingt noch lange wohltuend in meinen Ohren nach.
Sie wird genau wie gewünscht nach 4:05 Stunden (5:49 Min./km) ins Ziel kommen!


Der Hügel in Eschenbach kostet mich auf dem Rückweg nach 30 zurückgelegten Kilometern deutlich mehr Kraft als bei der ersten Überquerung. Ab diesem Hindernis wollen meine Beine nur mehr im Sonntags-Longrun-Tempo laufen. Na dann, soll es eben so sein ...



... der Besenwagen fährt noch mehr als 10 Kilometer hinter mir!

Im Gegensatz zu den Startschwierigkeiten gibt es unterwegs nichts zu bemängeln. An den Verpflegungsstellen herrscht kein Gedränge, es stehen immer ausreichend offene Wasserflaschen bereit, und ich benutze sie lange bevor der Sonne die Wolken endgültig besiegt nicht nur zum Trinken, sondern auch regelmässig zum Kühlen. 



Etwa 10 Kiometer vor dem Ziel hangle ich mich mühsam von Kilometer zu Kilometer, rechne mir vor, dass bald nur noch die Distanz einer Jogging-Runde vor mir liegen wird. Da klopft mir jemand auf die Schulter. Nein, diese Berührung hat eine andere Qualität, ist sanfter, zögernder - fragend, tröstend und ermutigend zugleich!

Patrick hat mich eingeholt. Vor einem Monat hatte er sich Gedanken gemacht, ob eine Erkältung sein Marathon-Debut gefährden werde. Ein Mail aus unseren Ferien hatte ihn beruhigen können, dass in dieser Situation ein Longrun weniger besser sei als einer zuviel...
Heute muntert seine Geste mich auf. Und es ist die reinste Freude zu sehen, wie er mit kraftvollen Schritten davonzieht, sich aufmacht sein Ziel gleich minutenweise zu unterbieten - ein 3:45er Trainingsplan wird ihn zu einer Schlusszeit von 3:38 Stunden führen!

Ich freue mich mit den glücklichen "Neulingen". Der erste Marathon! Kein zweites Mal ist es so überwältigend und berührend, wenn man spürt, dass man dabei ist zu schaffen, wovon man so lange geträumt und worauf man sich wochenlang vorbereitet hat. Den allerersten Marathon, diese Reise ins Unbekannte, kann man nur einmal laufen! Kein Zieleinlauf war ergreifender als der Erste...



Je näher wir der Stadt kommen, desto dichter wird das Zuschauer-Spalier. Angehörige und Freude feiern ihre Helden, die Marathon-Fest-Stimmung ist ansteckend. Die persönlichen Zurufe sind motivierend, und ich spiele gerne mit den Kindern Hände-Abklatschen. 

Kilometer 36 und 37 sind trotz der Unterstützung die härtesten! Die Zeit will nicht vergehen, ich verliere die Übersicht wie weit es noch ist, da ich die kleinen weissen Kilometerschilder nicht auf der Gegenfahrbahn suche (und erst nachträglich auf den Fotos entdecke). Am nächsten Versorgungsposten greife ich zum Cola. 

Erstaunlicherweise kommt vom Publikum immer noch positives Feedback. Der mentale K(r)ampf, die Enttäuschung über den mühevollen Lauf, das Ringen um die Kilometer sind doch nicht so einnehmend, dass meine ganze Marathon-Begeisterung überdeckt würde. 

Endlich kommt der Bellevue-Platz in Sicht. Er markiert das Ende des Zürichsees. Hier gelangen wir wieder auf die bereits bekannte Strecke mit ihren abwechslungsreichen Kurven und Szenenwechseln. Nur noch etwa vier Kilometer - welche Erleichterung!



Auf der Quaibrücke präsentiert sich die Zürich-Marathon-Logo-Aussicht - die Altstadtkirchen Fraumünster und St. Peter am linken Ufer der Limmat sowie das Grossmünster auf der rechten Seite. Wer sich am nahen Bürkliplatz stationiert hat, geniesst eine tolle Rundumsicht und kann seinen Marathon-Läufer sechs Mal vorbeilaufen sehen. 



Nach dem Sonnen-Tor geht es zum zweiten Mal auf die Bahnhofstrasse.


Jemand fragt mich besorgt, ob die Strecke wirklich noch einmal bis ganz zum Bahnhof führe. Genau so ist es. Die noble Einkaufsstrasse ist fast eine Meile lang, jetzt aber glücklicherweise nicht mehr so verschlafen wie am Morgen.



"Run and Smile" steht auf dem Shirt des Läufers, den ich überhole. Langsam kommt Freude über den bald geschafften Marathon auf, obwohl die Bahnhofsuhr anzeigt, dass es genau Mittag ist - und da hätte ich im Ziel sein wollen. 




Die letzte Schlaufe ist geschafft, bei den rosa Kirschbäumen wenden wir uns zielwärts! 



Beim 40 Kilometer-Schild stelle ich zum ersten Mal seit dem Halbmarathon auf die Stoppuhr-Anzeige um. Vor ein paar Minuten ist das Getrappel hinter mir lauter geworden, und ich rechne jeden Moment damit,  dass mich die 3:45 Stunden Läufer im Schlepptau ihrer Pace-Maker überholen.



Meine Uhr zeigt "erst" 3:32:40 Stunden an, und die Aussicht es unter 3:45 Stunden zu schaffen ermutigt mich zu einem sanften, minimalen "Endspurt". Ein paar Sekunden Resultat-Kosmetik liegt drin! Abgesehen von den bekannten, ziehenden Schmerzen, geht es mir ganz gut - keine Krämpfe - also los!



Noch zwei Kurven und bis zum Ballon-Bogen, dann zieht mich der sonnengelbe Ziel-Teppich an. 





Die Uhr blättert ihre roten Zahlen 3:45 entgegen, doch es reicht. Nach 3:44:29 Stunden ist es geschafft!

Es packen mich keine so hohen Gefühls-Wogen wie im Herbst in Florenz. Die 42.195 Kilometer haben sich zäh und lang genug hingezogen um zu akzeptieren, dass heute ein schnelleres Tempo schlichtweg keinen Sinn gemacht hätte. 

Immerhin kann ich nun noch ganz anständig gehen. Ich glaube es ist mir gelungen, den Lauf vernünftig zu dosieren, und ich trage meine Medaille nicht ohne Stolz und Zufriedenheit, während ich zum Tennisplatz eile, um zu erfahren, wie es den Männern ergangen ist. Wie heisst es doch - jeder Marathon-Finisher ist ein Sieger!?



Diesmal hat Andi einen Traum-Lauf erlebt. Mit anhaltendem Hochgefühl und Erlebnislauf-Pulsaufwand ist ihm ein perfektes Crescendo, ein überraschender Höhenflug zu schnellen 3:21:29 Stunden gelungen. Und das nach einer Kurz-Vorbereitung und der Erwartung, dass die zum Ziel gesetzte sub 3:30 Stunden kein Erlebnislauf werden würden. Ich bin sprachlos - sein 5. bester Marathon!


Cornel ist ebenfalls rundum glücklich. Obwohl er Andi bei einer Verpflegungsstelle nach etwa 30 Kilometern aus den Augen verloren hatte, erreichte er sein ambitioniertes Ziel. Ohne Uhr und sich nur auf das Gefühl verlassend, schaffte er eine superpräzise Punktlandung zu 3:29:48 Stunden! 


Zusammen spazieren wir zum Seebad Enge. Dort wartet Cornel's Familie, und er wird von seinen Teenager-Mädchen stürmisch in Empfang genommen. Sie sind mächtig Stolz auf ihren Vater!


Wir hatten an der Marathon-Messe eine Einladungskarte zur On After-Marathon-Party im Seebad zugesteckt bekommen. Nach einer entspannenden warmen Dusche machen wir es uns im Kreise der anderen On-Laufschuh-Fans im Liegestuhl gemütlich. Frühlingssonne, Panorama-Aussicht auf die bewältigte Strecke und ein alkoholfreies Bier lassen die Strapazen schnell vergessen.  


Bis die On-Elite-Athleten eintreffen können wir aber nicht warten. 




Wir haben uns mit Patrick und seiner Partnerin beim Bellevue zum Essen verabredet. Der Spaziergang dorthin macht die Beine schon wieder ganz geschmeidig.



Im Santa Lucia sind alle Plätze auf der Terrasse besetzt. Wir sind nicht die einzigen Läufer die ihre Energiespeicher füllen wollen, finden aber einen Platz an der Sonne am offenen Fenster und sitzen bald vor stärkenden Risotto- und Pasta-Gerichten. 

Wir stossen auf Patricks brilliantes Marathon-Debut, Andi's überraschendes Erlebnislauf-Resultat und meinen Finish an und werden nicht müde von unterwegs zu erzählen. Eindrücklich unterschiedlich haben wir den Lauf erlebt! Eine grosse Herausforderung haben wir alle bewältigt. 
Wenn auch der erste Marathon einmalig und nicht wiederholbar ist, so bleibt doch die Faszination für diese Strecke. Und mir hat die Distanz der magischen 42'195 Meter heute neuen Respekt eingeflösst! 



Der marathon4you-Autor Klaus Sobirey knipst auf den letzten Kilometern die selben Mitläufer wie ich. Wir erreichen das Ziel innerhalb der selben zwei Sekunden ohne voneinander Notiz zu nehmen. Offenbar waren wir am Morgen bereits an der selben Haltestelle aus dem selben Tram gestiegen um im Gänsemarsch zurück zum Gepäck-Depot zu gelangen - Zufälle gibts! Seine wunderbare Reportage lässt keine Sehenswürdigkeit unerwähnt. 

Zürich Marathon 
3:44:29.8 Stunden / 5:19.2 Min./km / Puls 158.3
+/- 70 hm 10-15° bedeckt, hohe Luftfeuchtigkeit bis sonnig
30. von 99 W45
166. von 545 Frauen
1367. von 2752 Teilnehmern
1. Halbmarathon 1:48:49 Stunden / 5:09.5 Min./km / Puls 156.8
2. Halbmarathon 1:55:40 Stunden / 5:28.9 Min./km / Puls 160.1
Track http://connect.garmin.com/activity/474691521

Andi
3:21:29 Stunden 4:46.5 Min./km / Puls 153
67. von 288 M50
1. Halbmarathon 1:41:13 Stunden / 4:47.8 Min./km
2. Halbmarathon 1:40:16 Stunden / 4:45.1 Min./km

Kommentare:

  1. Liebe Marianne,
    welch ein mitreißender Bericht! Danke für die ausführliche Beschreibung. Das man dort beim Start solch einen Stress fabriziert, ist schon erstaunlich. Die Bilder vom Lauf erinnern mich eher an den GP Bern, wo das Läuferfeld ja auch eher auseinander gezogen ist.
    Ja und wie tapfer hast Du Dich durchgearbeitet! Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn ich schon ganz ab Anfang hätte so kämpfen müssen! Dafür hast Du immer noch eine richtig gute Zeit hingelegt, die ich niemals schaffen werde. Nur ein wenig gemein ist es ja, dass nachher dann der Himmel ein schönes Blau zeigte...
    Ihr strahlt aber auf alle Fälle richtig zufrieden mit den Medaillen um den Hals.
    Meinen ganz herzlichen Glückwunsch!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Elke
      Gern geschehen! Es freut mich, dass dir mein Bericht gefällt, obwohl er diesmal etwas melancholisch gefärbt ist.
      Wenn ich auch den GP von Bern der heimeligen Kulisse wegen noch attraktiver finde als den facettenreichen, flachen Kurs in Zürich, so möchte ich auf der kupierten Strecke in der Hauptstadt lieber nicht Marathon laufen ;-)
      Ja, diesmal war es hart - so unterschiedlich kann es laufen! Ich hab versucht, nicht all zu sehr gegen die Situation anzukämpfen und blindlings durchzubeissen, sondern das Beste daraus zu machen. Ich hoffe das Dosieren ist mir gelungen - die Erholungsphase wird es zeigen...
      Mit dem Timing des Wetters war ich ganz zufrieden. Zum Laufen würde ich am liebsten immer um die 10 Grad und Wolken bestellen. Zum Schluss hat die Stadt ja dann noch in vollem Glanz gestrahlt, und wir konnten als glückliche Finisher im Liegestuhl mit der Sonne um die Wette strahlen. Ganz im Sinn von Ende gut, alles gut!
      Nun seid ihr an der Reihe! Ich wünsche euch eine gute Reise an die Donau und dass am gossen Tag alle Mosaiksteinchen passen!
      Liebe Grüsse
      Marianne

      Löschen
  2. Toller Bericht mit stimmungsvollen Bildern. Trotz meiner ambivalenten Haltung zum Züri Marathon juckt es mich nach diesem Bericht, auch wieder einmal die Bahnhofstrasse und den See als Läufer in Anspruch zu nehmen.
    Herzlichen Glückwünsch und gute Regeneration
    Martin

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für deine guten Wünsche Martin!
      Der attraktive Wechsel von Stadt- und See-Kulisse und die flache Strecke können wirklich dazu verlocken, dem liebsten Hobby mal ganz in der Nähe zu frönen!
      Einen begeisternden Marathon-Rapport, der nicht von "Sand im Getriebe" gefärbt ist, gibt es hier zu lesen:
      http://www.marathon4you.de/laufberichte/zuerich-marathon/mit-high-speed-in-den-fruehling/2378
      Gruss Marianne

      Löschen
  3. Hallo Marianne,

    glückwunsch zu deinem Finish!
    Mit deinem Tempo hast du ja im Endeffekt alles richtig gemacht und konntest Zürich erleben!
    Beim Lesen konnte ich richtig gut meinen letztjährigen Marathon nochmals miterleben. Nur ans Abkühlen dachte ich damals sicherlich net :)
    Gruß Markus

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen Dank Markus!
      Schön konnte ich dich mit meinem Bericht noch einmal in die Welt deines Bestzeit-Triumphs entführen!
      Bei mir war eine gute Zeit diesmal kein Thema - unterwegs trotzdem eine gute Zeit zu haben aber sehr wohl ;-) Ich war erstaunt, wie viele Details mir bei den beiden früheren Teilnahmen entgangen waren (da ich damals auf PB-Jagd wohl mit Tunnelblick gelaufen war).
      Ich liebe es zwar, bei kalten Bedingungen zu laufen - aber so kalt wie es letztes Jahr gewesen ist, muss es auch nicht sein!
      Gruss Marianne

      Löschen
  4. Glückwunsch auch von der Ostsee
    zu deinem x-ten Marathon
    bin überrascht
    dass sich das Feld wohl doch ziemlich auseinander gezogen hat
    wie viele Läufer waren am Start

    Gute Erholung, wenn es auch schon ein paar Tage her ist !

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke Margitta!
      Die Erholung wird diesmal ein paar Tage dauern. Die Laufschuhe stehen noch in der Ecke.
      Es kamen knapp 2'800 Marathon-Läufer ins Ziel, und 900 Staffeln waren unterwegs.
      Auf der Pendelstrecke begegnet jeder jedem.
      Als ich bei km 18 war rasten die Eliteläufer bereits zurück Richtung Stadt (sie hatten schon 30-31 km bewältigt). Als ich diese Stelle erreichte, zuckelte auf der Gegenfahrbahn der Besenwagen vorbei.
      Deine Frage nach dem auseinander gezogenen Feld machte mich neugierig und ich hab ein bisschen gerechnet. Die Langsamsten (5:30 Stunden-Läufer) waren erst 17 km weit gekommen, als der Sieger über die Ziellinie lief, so war die Läuferschlange im Maximum etwa 25 Kilometer lang!!!
      Liebe Grüsse
      Marianne

      Löschen
  5. Hej Marianne,
    einmal mehr ein super Bericht und eine super Leistung!
    Mit der Erfahrung von bereits unglaublichen 30 Marathons, schaffst Du es schon lange sehr gut, Dich und Dein Leistungsvermögen am Wettkampftag genau einzuschätzen. Trotzdem ist es bemerkenswert, dass Du auch an Tagen an denen es nicht so gut läuft, immer genau richtig dosierst und tadellos ins Ziel kommst. Bravo!
    Liebe Grüsse
    Hugo

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hej Hugo
      Vielen Dank für die "Blumen" - es freut mich, dass dir mein Bericht gefällt. Viel lieber hätte ich noch von einem Mitläufer mehr geschrieben!
      Ich hoffe wirklich sehr, dass ich genug gebremst habe. Im Gegensatz zu Dubai sind die 10er Splits alles andere als rühmlich - diesmal wurde ich auf jedem 10 km-Abschnitt 1-2 Min. langsamer. Wahrscheinlich hätte ich nach 5 km noch radikaler reduzieren müssen...
      Doch ich bin recht gut ins Ziel gekommen und hoffe, dass die Erholung nicht all zu lange dauert.
      Liebe Grüsse
      Marianne

      Löschen
  6. Gratulation zu deinem Wett-KAMPF! Ich war vor drei Jahren mit dabei und deine Schilderung und die Fotos liessen den "Lauf" wieder aufleben. Gute Erholung und vor allem ein intensives Nachgewiesen. :-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Merci vielmals Chris!
      Es freut mich, dass es mir gelungen ist, dich mit auf die Strecke zu nehmen! Beim Gegenlesen deiner Zürich-Marathon-Geschichte habe ich mich wiederum in meine erste Teilnahme in Zürich zurückversetzt gefühlt.
      Dass du meinen Bericht bei dir verlinkt hast, hat mich riesig überrascht - herzlichen Dank!
      Ja, wir sind intensiv am Nachgeniessen und Nacherleben. Dieses Marathon-Erlebnis - wenn es auch für mich nicht ganz einfach war - wirkt gewaltig inspirierend und motivierend.
      Die Wünsche für gute Erholung gebe ich gerne an dich zurück!
      Liebe Grüsse
      Marianne

      Löschen
  7. Hallo Marianne,

    danke für Deinen tollen Bericht. Schön dass Du uns in Meilen bemerkt hast.

    *Schräge Pauken- und Trompeten-Klänge geben in Meilen auf der Wendeschlaufe den Rhythmus vor. *

    Ich finde, soooo schräg war's nun doch nicht.... Zumindest bist Du offenbar nicht aus dem Rhythmus gefallen :-))

    Liebe Grüsse von "4plus", der Band aus Luzern mit den Schwinger-Klamotten
    Stefan

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Stefan

      Das finde ich lustig, dass du meinen Bericht gelesen und eure "4-plus-musig" darin wiedergefunden hast! Es freut mich, dass er dir gefällt. Merci für deinen Besuch!

      Und an dieser Stelle ein grosse DANKE für den (Musik)-Marathon, den ihr geleistet habt! Die Unterhaltung am Streckenrand ist bei jedem Lauf über 42.195 Kilometer das Tüpfchen auf dem i, kann einem für viele Kilometer Energie mitgeben und bleibt oft unvergesslich!!!
      Mir hat eure rhythmusstarke Unterstützung wunderbar den Anstieg zum Wendepunkt hoch geholfen!

      Liebe Grüsse
      Marianne

      Löschen
    2. Hallo Marianne,

      toll, wenn unsere Unterstützung so gut ankommt. Da steigt die Spannung und die Vorfreude noch mehr auf den ersten 21er meines Lebens in Luzern, wo ich bisher immer musizierend am Rand stand und dieses Jahr das erste Mal als Teilnehmer die Atmosphäre geniessen kann. (Wenigstens so lange bis der Besenwagen kommt, hihi)

      Keep on running!
      Stefan

      Löschen
    3. Hallo Stefan

      Ein spannendes Projekt hast du vor. Du wechselst also sozusagen die Seite vom Motivator zum Läufer!
      Viel Spass und Erfolg bei deiner Vorbereitung auf den ersten Halbmarthon und natürlich auch für den grossen Tag.
      Du wirst auch im Läufer-Tausendfüssler voll in deinem Musik-Element sein - in Luzern ist die Atmosphäre einmalig, etwa 30 Formationen sorgen für Unterstützung, und die Passage durchs KKL übertrifft alles, was ich in Sachen Unterhaltung bisher erlebt habe. Der Besenwagen hat bestimmt keine Chance ;-)

      Keep on running!
      Marianne

      Löschen