Sonntag, 14. Juni 2015

Verpflegungsposten Scheunenberg - 30. Kilometer beim Bieler 100-km-Lauf

Sehnlichst wünschten wir letztes Jahr beim Nachtmarathon den Verpflegungsposten bei Scheunenberg herbei (wegen Zusatzschlaufe in Biel km 35 beim Marathon). Wie eine rettende Oase in der Wüste wirkten die reich gedeckten Tische in der feuchtheissen Vollmondnacht, und ein Becher Cola spendete genug Energie, um die letzten sieben Kilometer noch zu schaffen.

Wohl gut 300 Mal haben wir bei Marathons dankbar Labesstellen angelaufen und nach Wasser, Iso-Getränken, Gels oder einem kühlenden Schwamm gegriffen. Als unsere Nachbarin fragte, ob wir in der "Nacht der Nächte" mithelfen würden, die Verpflegungsstelle Scheunenberg zu betreuen, sagten wir deshalb gerne zu und waren gespannt darauf, auf der anderen Seite der Laufstrecke aktiv zu sein.



Bereits um halb acht Uhr beginnen wir am Freitag Abend im 12er Team mit den Vorbereitungen, obwohl sich die 100-km-Läufer erst um 22 Uhr auf den Weg machen, die Marathonis eine halbe Stunde später folgen werden, und wir die ersten Gäste erst gegen Mitternacht erwarten.



Bis es zu dämmern beginnt sind wir mit Toitoi-Häuschen Schieben, Marktstände Aufstellen, Beleuchtung Installieren und Kisten Schleppen beschäftigt.



Bevor wir den Läufern die Tische decken, dürfen wir uns im gegenüber liegenden Restaurant Sonne stärken.



Die Männer holen in der nahen Käserei in 50-Liter-Milchkannen heisses Wasser für die Zubereitung von Bouillon, und rühren mit grossen Schneebesen Iso-Getränke und Sport-Tee an. Es gilt auch kistenweise Orangen, Bananen, Brot und Riegel in mundgerechte Stücke zu schnippeln und reihenweise Becher mit Getränken zu füllen.




Die Arbeit im Team macht grossen Spass, und kurz vor Mitternacht steht alles bereit für die erwarteten gut 1000 Ultra-Läufer, knapp 200 Marathonis und etwa 300 Staffeln oder Patrouillen. Wir greifen selber zu einem Becher Energiespender und halten dann gespannt nach hüpfenden Lichtpunkten Ausschau.


Der erste Läufer und spätere Zweite des 100-km-Wettbewerbes ist zu schnell für meine kleine Sony-Kamera. Dank Rad-Begleitung kann er unseren Posten links liegen lassen, wie die folgenden Spitzenläufer auch.



Als erster "Kunde" besucht ein Rad-Coach unseren Stand um das Energie-Angebot für seinen Schützling zu ergänzen.



Bis um halb eins bleibt es ziemlich ruhig, und wir haben Zeit jedem einzelnen Sportler Beifall zu klatschen und ermunternden Zuspruch mit auf den Weg durch die lange Nacht zu geben.


Dann kommen die Läufer in immer dichteren Strömen und grösseren Schwärmen. Viele der 100-km-Absolventen nehmen sich Zeit, sich ausgiebig zu verpflegen, und der eine oder andere gönnt sich gar eine Pause und erzählt gerne von seinem reichen Lauf-Erfahrungs-Schatz. Doch die ersten Marathonis und Staffelläufer schiessen wie geölte Blitze durch die Reihen, schnappen sich schnell einen Becher Wasser oder Iso und sind schon wieder weg. 




Zwischen ein und drei Uhr schwitzen wir mit den Läufern um die Wette und haben alle Hände voll zu tun. Manchmal schaffen wir es nur knapp, genügend gefüllte Getränke-Becher aufzustellen. Die grossen Milchkannen, aus denen wir das begehrte Nass schöpfen sind immer schnell wieder leer. Die Nacht ist warm, der Durst sehr gross und der Weg bis zum nächsten Verpflegungsstand über sieben Kilometer weit!

Oft strecken uns die Sportler direkt ihre leeren Trinkflaschen oder Wasserblasen zum Befüllen mit dem Litermass entgegen. Es ist spannend zu sehen, dass die Verpflegungsstrategien so unterschiedlich sind wie die Läufer auch. Gel oder Iso werden oft mit Wasser verdünnt, da und dort geheimnisvolle Pülverchen in Flüssiges gemischt, und je länger die angestrebte Laufstrecke ist, desto eher greift man in die Becken mit fester Kost. Nur die Lust auf "Hopfentee" können wir nicht stillen.



Viele Marathonis und Staffelläufer fragen, wie weit es noch sei bis zum (Etappen)-Ziel - und meist wirkt unsere Antwort - "nur noch 7 Kilometer" - nicht als Aufsteller.


Unsere Achtung vor den freiwilligen Helfern wächst in diesen Stunden! Niemals hätten wir erwartet, dass so viel Aufwand nötig ist, Läufern einen optimalen Service zu bieten. Wie oft haben wir die reibungslose Verpflegung als selbstverständlich hingenommen, ohne darüber nachzudenken, welch grosser Einsatz dafür im Hintergrund geleistet werden muss! Unvorstellbar, wie es gelingt, bei grossen Städteläufen oder im unwegsamen Gelände beim Jungfrau-Marathon alle zu versorgen!


Wir bemerken kaum, wie die Zeit verfliegt und bleiben hellwach. Als der grosse Ansturm vorüber ist, sind wir erstaunt, dass es schon fast vier Uhr ist. Nicht nur die Arbeit ist der Grund dafür, sondern vor allem das lustige Zusammensein mit dem tollen Team und die spannenden Begegnungen mit den Läufern. Sie sind für jeden Schluck Wasser dankbar und oft zu Spässen aufgelegt.


Diese beiden Millitär-Patrouillen haben in ihren schweren Stiefeln noch einen halben Tagesmarsch vor sich. Mittlerweile weht ein kühler Wind, und je länger der Anlass dauert, desto vielfältiger werden die Geschichten, die wir erleben. Da ist der Läufer, der schon zum 40. Mal dabei ist, eine blinde Frau mit Guide und Coach, der Erstling der von Krämpfen geplagt gegen den Gedanken aufzugeben ringt, eine Frau mit Krücken und jene, die versuchen, wenigstens bis zum Ende der nächsten Teilstrecke in Oberramsern dem Besenwagen davon zu eilen.




Bis die letzten Teilnehmer ankommen, bauen wir bereits zwei der drei Marktstände ab und sammeln den Abfall ein, während zwei gestrandete Marathonis entkräftet und vor Kälte zitternd in Militärwolldecken eingehüllt auf den Rücktransport nach Biel warten.

Wir sind froh, dass sich kein ernster Zwischenfall ereignet hat und der Defibrilator zusammen mit dem übrigen Material wieder verstaut werden kann. Der Abbau der Tische geht fix von der Hand, und um eine eindrückliche und spannende Erfahrung reicher können wir bereits um fünf Uhr zuhause in die Federn schlüpfen.


Samstag
Nach fünf Stunden Schlaf gönnen wir uns ein gemütliches Frühstück, doch das schöne Wetter lässt uns am Mittag selber sportlich aktiv werden. Wir schwingen uns auf die Mountainbikes, da sich die Beine nach der langen, durchwachten Nacht so anfühlen, als hätten wir auch einen Marathon absolviert.

Um auf die 100-km-Strecke zu gelangen und noch einmal in die "Bieler-Lauftage-Welt" einzutauchen, rollen wir nach Lyss. Dann gehts nach Ammerzwil und zu den Störchen in Grossaffoltern, wir radeln ins Limpachtal und zu "unserem" Verpflegungsposten in Scheunenberg, von dem bereits kaum mehr eine Spur auszumachen ist.






Voller Hochachtung denken wir an die Ultraläufer, als wir zwischen Etzelkofen und Jegenstorf einen Hügel überwinden - einige von ihnen sind wohl immer noch unterwegs.



Bis nach Jegenstorf folgen wir gemütlich ihren Spuren, dann nehmen wir den kürzesten Weg nach Hause, damit unsere Tour nicht viel länger als ein Marathon werde.

Sonntag
Das Körpergefühl erinnert nach dem zurückliegenden Nachteinsatz weiterhin an Jetlag, und das gewittrige Wetter wirkt sehr schweisstreibend. Unser erster Longrun nach dem Winterthur-Marathon ist noch sehr harzig. Wir freuen uns zwar über die blumige Kulisse am Wegrand und sind doch froh, als wir nach gut zwei Stunden wieder zuhause ankommen und das äusserst intensive Wochenende mit der Familie ausklingen lassen können.





Samstag
45.7 km Biketour 20.5 km/h / Puls 117
+/- 495 hm / 24° schön, heiss, leichter WSW-Wind


Sonntag
22 km Longrun 5:48 Min./km / Puls ?
+/- 165 hm / 22° schön, gewittrig heiss, sanfter N-Wind

Kommentare:

  1. Liebe Marianne,
    ja wir haben an Euch gedacht, als wir am Vorabend unserer Weinbergetour beim Abendessen saßen...
    Ich hätte auch große Lust, einmal auf der anderen Seite zu helfen und bin sicher, das ist genauso spannend, wie selber zu laufen. Ja und an einem so aufgestellten Stand wie Eurem, wo alles bestens läuft, da kehrt man doch gern ein!Toll, wie Du die Stimmung und Beobachtungen eingefangen hast, es vermittelt eine lebhafte Vorstellung von der Nacht der Nächte!
    Liebe Grüße
    Elke

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    1. Liebe Elke
      Dass ihr uns unterstützende Gedanken geschickt habt, hat bestimmt dazu beigetragen, dass wir die arbeitssame Nacht gut überstanden haben. Die Müdigkeit schlich sich erst in den Tagen darauf an.
      Ich bin überzeugt, dass wir in Zukunft den Service an der Strecke mit anderen Augen sehen werden - ja, es lohnt sich, mal auf der anderen Seite der Laufstrecke mitzutun. Sicher gibt es auch in euerer Nähe Veranstaltungen mit Helfer-Mangel?
      Die Lust selber mitzulaufen wuchs natürlich beim Zuschauen, so hoffen wir, dass wir euch nächstes Jahr auf irgendeiner Distanz in der Nacht der Nächte Gesellschaft leisten können und es nicht zu Termin-Kollisionen mit dem Weinberglauf kommt.
      Liebe Grüsse
      Marianne

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  2. Großen Respekt für euren Einsatz!
    Es wird die Zeit kommen an der auch ich helfen werde, da bin ich mir sicher!

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    1. Danke Markus!
      Das war eine spannende Erfahrung. Bestimmt werden wir nicht wieder 13 Jahre warten, bis wir uns mal auf die andere Seite der Laufstrecke begeben. Mithelfen macht (fast) genauso viel Spass wie mitlaufen ;-)
      Gruss Marianne

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  3. Herzlichen Dank für die tolle Unterstützung.

    Ohne diese würde uns 100 km Läufern die Absolvierung der Strecke deutlich schwerer fallen.

    Für mich ist es immer wieder faszinierend, wie viele Helferinnen und Helfer sich freiwillig in den Dienst der Sache stellen.

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  4. Liebe Marianne,

    da kann man als Teilnehmer nur DANKE sagen, wie gut, dass es immer wieder freiwillige Helfer gibt, ohne sie wären wir verloren, die meisten sind auch sehr freundlich und geben einem Mut für den Rest der Strecke.

    Auch ich bin immer gerne bereit, als Helfer zu agieren, wenn ich darum gebeten werde, weil ich oft genug Nutznießer bei vielen langen Läufen war, auf denen Helfer selbstlos für uns da waren.

    DANKE

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    1. Vielen Dank für deinen Dank Margitta
      Ich nehme mir fest vor, nicht wieder 13 Jahre zu warten, bis ich mal auf der anderen Seite der Laufstrecke aktiv werde!
      Ja, das ist so - Verpflegungsstellen sind oft wie Oasen in der Wüste, und wenn einem zum Durstlöscher noch ein nettes Wort geschenkt wird, reicht die Energie besser für die restliche Strecke.
      Liebe Grüsse
      Marianne

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