Dienstag, 25. Februar 2014

Auf dem legendären Emmendamm

Letzten Sommer hatte ich anlässlich des Nachtmarathons Bieler-Lauftage-Luft geschnuppert, und im Ziel in Oberramsern angekommen, wäre ich am liebsten mit den 100 km Läufern weitergelaufen. Ich hoffe, dass ich das Abenteuer 100er irgendwann wagen darf, und finde es faszinierend, immer mal wieder ein Stück der 100 km Strecke zu erkunden.
Meine Freundin Jeannine steckt schon Mitten im Training für diesen klassischen Ultralauf. Ich war sofort Feuer und Flamme, als sie mich auf das geführte Nacht-Lauftraining auf der legendären Emmendamm-Strecke aufmerksam machte. 


Um halb acht Uhr schart sich eine kleine Gruppe von knapp 20 Läufern am Bahnhof von Alchenflüh bei Kirchberg um den Top-Läufer Rolf Thallinger und den Laufcoach Matthias Klotz. Während wir auf ein paar Nachzügler warten, gibt es erste spannende Infos zur Lauftechnik für die anspruchsvolle Strecke, die uns erwartet. Ich bin sehr gespannt auf diese Abenteuer, und die Kälte lässt mich nervös von einem Bein aufs andere hüpfen.



Als es losgeht wird uns schnell warm. Wir erwischen den "Schnellzug" der beiden Gruppen. Flotter als im 5er Schnitt werden wir um ein paar Hausecken durch Alchenflüh zur 100 km-Strecke und vorbei am hell beleuchteten Fussballplatz hinaus in die Dunkelheit der Nacht geführt. Brausend rauscht die Emme über eine Schwelle, und wir folgen dem Fluss bis zur Brücke bei Aefligen auf einem recht gut begehbaren Naturweg.



Nach ein paar Kilometern gibt es unterwegs einen Info Block. Versorgt mit vielen wertvollen Tipps und Tricks reihen wir uns zuhinterst im Feld ein. Wir wollen den anspruchsvollen "Ho Chi Minh-Pfad" möglichst authentisch in einem Tempo laufen, das in der Nacht der Nächte mit 55 Kilometern in den Beinen noch möglich sein könnte.



Auf der Krone des Hochwasser-Schutz-Dammes können wir das eben Gehörte sogleich anwenden. Wir versuchen es mit einem Hauch mehr Kniehub, um die Füsse gut über eventuell unter Laub verborgene Hindernisse zu heben, tänzeln mit kurzen Schritten eher in Vorfuss-/Mittelfuss-Technik dahin und stellen die Stirnlampen-Lichtkegel optimal auf Fernsicht ein, erspüren die Unebenheiten mehr, als dass wir sie mit den Augen suchen.

Meist läuft es sich überraschend gut. Mit dem Licht von mehreren Stirnlampen wird die Nacht fast zum Tag. Anfangs verläuft der Damm am Waldrand, rechts ist der Blick über dunklen Felder frei, schemenhaft zeichnet sich der Jura-Rücken ab, und über uns funkeln die Sterne. Leider lassen sich keine guten Fotos schiessen...



Wir rascheln durchs Laub und warnen einander vor Wurzeln und tief hängenden Ästen, irgendwo hüpft ein Frosch über die Strecke. Bald umschliesst uns der Wald von beiden Seiten, und vor Utzenstorf ist der schmale Weg oft mit faustgrossen runden Steinen durchsetzt. 

Nur selten präsentiert sich der berüchtigte Pfad so schwierig, dass er seinem Übernamen gerecht werden würde - bis zum Sommer werden die umgestürzten Bäume bestimmt entfernt! Der Ho Chi Minh Pfad war ein über 1000 Kilometer langes verstecktes, heimliches Netz von Pfaden, Pisten und Strassen die von Nordvietnam durch Laos und Kambodscha führten, um während des Vietnamkrieges die im Süden kämpfenden Vietkong mit Nachschub zu versorgen.

Dass der schmale Naturweg im Sommer und wenn man nachts ganz alleine unterwegs ist noch anspruchsvoller zu laufen ist, kann ich mir lebhaft vorstellen. Die Vegetation am Wegrand lässt ihn noch schmaler erscheinen und die belaubten Äste hängen tiefer und schwerer als jetzt im Winter.
Beim Emmenlauf 2013 mussten wir kurz die übliche Strecke verlassen und auf den Damm ausweichen. Davon berichtete ich so: "Der Pfad auf dem Damm ist so schmal, dass ich das Gefühl habe, die Bäume und Sträucher am Wegrand würden gleich ihre Äste ausstrecken und mich festhalten."


Kurz nach dieser Passage sehen wir Licht durch die Bäume schimmern und gelangen zur Brücke in Utzenstorf.




Freundliche Helfer versorgen uns mit Bananen und warmem Tee, und ich wage es, wie es uns geraten wurde, auch mal feste Kost und etwas Ungewöhnliches als Verpflegung zu testen.

Die weiteren Kilometer vergehen wie im Flug, so viel gibt es über Laufeinteilung, Ernährung Aufbautraining, Vorbereitungswettkämpfe und dies und das zu fragen und zu diskutieren! Zwischendurch geniessen wir auch mal still das für die Sinne eher ungewohnte Nachtlauferlebnis.
Der weitere Weg führt uns durch offenere Landschaft, rechterhand glitzert das Wasser eines Kanals, der zur Papierfabrik von Utzenstorf strömt. Nach der vorher erlebten Stille im Wald, erscheint sie mit ihren dampfenden Kaminen, dem Gepolter in den Maschinenhallen und den riesigen, glänzenden Stahlkesseln wie ein Ungetüm.



Zweimal quert die Strecke den Kanal, eine geschwungene Brücke bringt uns über die Emme, und bald darauf hat uns die Zivilisation in Biberist wieder. Etwa bei Kilometer 67 verlassen wir die 100 km-Strecke und machen uns auf die Suche nach dem Bahnhof. Eine Gruppe junger Fussballspieler weist uns den Weg, trotzdem verpassen wir die Abfahrt des Zuges, der uns nach Kirchberg hätte zurückbringen sollen.



So kommen wir zu noch mehr faszinierenden 100er Geschichten. Ein Läufer chauffiert uns mit dem Auto zum Ausgangspunkt zurück und berichtet von Erfahrungen mit dem Bieler 100er - seit seinem 18. Lebensjahr hat er keinen Lauf verpasst und war schon 28 Mal dabei! 
Die "Suchtgefahr" scheint hoch zu sein...
Danke Jeannine dass du mich in diese Welt entführt hast - es hat riesig Spass gemacht!


15.2 km lockerer Lauf 5:38 Min./km/ Puls 131
+ 5 hm / - 50 hm / 4° schön
Track http://connect.garmin.com/activity/451514859

Gestern
7.1 km Jogging 6:00 Min/km / Puls 121
+/- 50 hm / 10° schön
Track http://connect.garmin.com/activity/450791306

Kommentare:

  1. Schön, von deinem Lauf in für mich bekannter Umgebung zu lesen. In Biel lief ich meinen ersten 100-er, die ganze Nacht mit Startschuss: Gewitter, Regen, Regen, Matsch, Sintflut - schlimm auch auf dem Ho Chi Minh-Pfad, ich werde es nie vergessen. Danach hatte ich mir geschworen: nie mehr, aber wenn das eine Läuferin sagt......... ;) Dazu kommt noch, dass es keine Stirnlampen gab, nur entlang der Strecke kleinste Funzellichter, manchmal konnte man seine Hand nicht vor den Augen sehen - Abenteuer pur - aber mit viel Stolz und Tränen in den Augen im Ziel.

    Das kann ich dir empfehlen, nicht unbedingt in einer Nacht, wie wir sie hatten, aber bei normalen sommerlichen Bedingungen - toll !

    Wenn du schon viele Marathons in den Knochen hast und kontinuierlich läufst, kannst du dich ruhig daran wagen, es gibt Läufer, die laufen erst die 100 km und dann Marathon !

    Danke für den Bericht !

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    1. Hallo Margitta
      Es freut mich, dass ich dich mit meinem Bericht ein Stück mitnehmen konnte, auf die dir wohlbekannte Strecke. Ja, dass du die Riesen-Herausforderung deines ersten 100ers in einer Gewitter-Regen-Nacht bestanden hast, noch dazu auf dem Emmendamm im Stockdunkel tappend, das macht diese Erfahrung zu einem ganz einmaligen Erlebnis. Wer hätte da nicht Freuden- und Erleichterungs-Tränen geweint im Ziel. Abgeschreckt hat dich dein "erstes Mal" nicht, und so mancher 100er und noch viel, viel längere Läufe folgten - genial!
      Noch ist mir diese Welt unvorstellbar!
      Als ich letztes Jahr unter dem Nachthimmel, an dem die Sterne wie Millionen von Diamanten glitzerten, bis zur Marathon-Marke gelaufen bin, hatte ich mir vorgenommen, die 100 km dieses Jahr zu wagen. Doch dazu müssen sich meine "Knochen" besser anfühlen und 100 % im Lot sein, sonst wird die Nacht der Nächte kein Genuss! Die richtige Zeit wird bestimmt kommen.
      Liebe Grüsse
      Marianne

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    2. Tu es
      verschiebe es nicht
      du kannst das !

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    3. Dass genau du mir den 100er zutraust, macht mir Mut,
      und ich glaube dir gerne!
      Ich bin überzeugt, dass ich das kann,
      wenn das "Fahrgestell" mitmacht.
      Aber das ist zurzeit zu oft aus dem Lot...

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  2. Super spannend stelle ich mir so einen 100er vor. Auch mein Ziel / Traum ist es mal bei soetwas mitzulaufen und gerade Bile soll überragend sein.
    Aber warten wir mal ab was die Jahre so bringen.

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    1. Hallo Markus
      100 km zu laufen ist bestimmt an sich schon spannend. Und der Bieler 100er hat viele Facetten. Er führt durch Stadt und viel Land, verläuft zwischen Feldern, durch Wälder und entlang von Flüssen, ist landschaftlich wunderschön und auch vom Profil her abwechslungsreich bis ein bisschen anspruchsvoll.
      Genau warten wir es ab, der richtige Moment für diese Herausforderung wird kommen!
      Nun viel Erfolg und Spass bei deinem vor der Tür stehenden Marathon!
      Liebe Grüsse
      Marianne

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  3. Hallo Marianne,
    das liest sich nach einem sehr spannenden Nachtlauf. Gut, dass diese Möglichkeit eines geführten Kennenlernens der Strecke besteht. Vielleicht wirst Du ja wirklich eines Tages dort auch Deine Fußspuren in der Nacht der Nächte hinterlassen...wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!
    Liebe Grüße
    Elke

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    1. Hallo Elke
      Das Training auf der Schlüsselstelle des 100ers war wirklich sehr spannend und eindrücklich. Die Gegend ist mir nicht unbekannt, und doch wirken Pfad und Umgebung in der Nacht nicht wie am Tag. Ganz andere Sinne sind gefragt. Es kommt vor allem auf das schnelle Erspüren der Unebenheiten an. Gut gibt es die Möglichkeit diese Erfahrung zu machen!
      Den Traum, mal die ganze Strecke am Stück zu bewältigen gebe ich nicht so schnell auf, wenn auch bis dahin noch ein paar Umwege und Geduld nötig sind!
      Aber nun kann ich mir ein Bild machen, welche Anforderungen die Läufer zu bestehen haben, und das wird das Daumendrücken für die Bekannten, die teilnehmen erleichtern.
      Liebe Grüsse
      Marianne

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