Sonntag, 27. Oktober 2013

Harter Swiss City (Halb)-Marathon Luzern 2013

Als wir uns um halb sechs auf den Weg machen, geht ein Gewitter nieder, und auf der bequemen Intercityfahrt von Bern nach Luzern prasseln Regentropfen an die Wagon-Fenster. Früher als erwartet ist der Föhn zusammengebrochen. Ob mein Kopf deswegen brummt?

Bereits um 7 Uhr sind wir in Luzern. Gemütlich spazieren wir zusammen mit Hugo zum bereitstehenden Kursschiff, das uns zum Verkehrshaus bringen soll. Die Wolken hängen tief und entledigen sich auch hier bereits ihrer schweren Last.



Mit etwa 13 Grad ist es aber nicht kalt. Ja, die Wetterbedingungen könnten geradezu ideal sein für unsere Ziele. Wir träumen davon, beim Lauf durch die wunderschöne Stadt am Vierwaldstättersee und über die Horwer Halbinsel, unsere Zeiten von 2011 (1:30 bzw. 1:33 Stunden) egalisieren zu können... 




Im Verkehrshaus kommen wir rasch zu unseren Startnummern noch bevor das grosse Gedränge losgeht. Männer- und Frauen-Garderoben liegen weit auseinander. So gehen wir bis zum Einlaufen getrennte Wege.

In Plastik-Pellerinen oder Abfallsäcke gehüllt, joggen wir eine halbe Stunde vor dem Start auf Naturwegen dem See entlang durch den warmen Regen. Es sind so viele Zuschauer und Sportler unterwegs, dass an flüssiges Laufen nicht zu denken ist, und eine Steigerung endet mit einem abrupten Not-Stop.
Wie bei den letzten kurzen Joggings ist mein Laufgefühl überhaupt nicht überzeugend. Die Hamstrings sind verspannt, zudem schmerzt das Kreuz, und mit dem Anbruch der kalten Witterung sind auch die Schulterschmerzen wieder zurückgekehrt... Ich zweifle, dass ich heute einen schnellen Lauf absolvieren kann. Doch so oft hat mich mein Gefühl getäuscht - also will ich es trotzdem versuchen.


Wir stehen in der Region der 1:30 Pace-Maker ein und schälen uns zwei Minuten vor dem Start aus den wärmenden Plastik-Hüllen.

Punkt 9 Uhr fällt der Startschuss. Ich bin erstaunt, wie gut ich mit dem Feld mithalten kann. Mein Atem geht ruhig, der Puls ist tief, und beim schnellen Laufen schmerzen die Beine weniger als beim Joggen. 
In der Strassenschlucht zwischen den traditionsreichen Nobel-Hotels hüpft die Anzeige der Garmin. Ich lasse es nach Gefühl rollen und bin erstaunt, dass mich Andi kurz vor dem ersten Kilometerschild überholt. Tatsächlich 4:13 Min./km, das ist viel schneller als geplant! Bremsen!

Es geht vorbei an der Kirche St. Leodegar mit den markanten Doppeltürmen und dem Schwanenplatz. Dann folgt mit der Überquerung der Seebrücke eine erste kleine Unebenheit in der Strecke. Ein rascher Blick zur berühmten Kapellbrücke. Der Duft von Gegrilltem steigt mir in die Nase - Bratwürste, so früh am Morgen?

Der Bremsversuch scheint laut Garmin erfolgreich. Wir kommen am futuristischen KKL, dem von Jean Nouvel erbauten Kultur- und Kongresszentrum vorbei, dessen weit vorspringendes Flachdach bereits renoviert werden soll. Die Passage der Holzbrücke vor dem berühmten Gebäude ist rutschig. Doch ich freue mich schon riesig auf die Möglichkeit, auf dem Rückweg durch das Innere des Gebäudes laufen zu können.


Wo ist das zweite Kilometerschild. Stimmt meine Pace? 
Erst nach drei Kilometern entdecke ich die nächste Streckenmarkierung. Nun bin ich ein wenig zu langsam unterwegs. Und es folgen von Kilometer 4 bis 8 die rhythmusbrechenden Hügel auf der Horwer Halbinsel mit zwei deutlichen Anstiegen von je etwa 30 Höhenmetern.

Da überholt mich Hugo. Er fragt, welcher Pacemaker-Ballon vor uns tanze - es ist jener für die 3:15 Stunden-Marathon-Läufer (ist er wohl etwas schnell unterwegs, oder ich so langsam?). Ich kann kaum antworten, kriege schon nach wenigen Metern aufwärts Rennen kaum Luft und fühle mich, als ob ich Blei-Beine hätte. Bald ist Hugo im bunten Läuferstrom vor mir verschwunden.
Dass auf jeden Anstieg eine tolle Strecke zum Runterrollen folge, versuche ich mich zu überzeugen. Nach der ersten Hügelkuppe kann ich jedoch nicht sofort beschleunigen, und bergab fliegend schmerzt das Kreuz.
Ich habe kaum Ohren für den Applaus des Publikums, das uns wirklich toll unterstützt, und auch die schrägen Guggenmusik-Klänge können mich heute nicht aufheitern. Ab und zu erhasche ich einen kurzen Blick auf die traumhaften Villen hoch über dem Vierwaldstättersee oder hinüber zum Pilatus. 

Über den zweiten Hügel krieche ich fast eine halbe Minute langsamer als geplant. Vom unteren Rücken her spüre ich ein Ziehen über die hinteren Oberschenkel bis in die Waden, so kann ich die Schritte nicht langziehen. Während ich vergeblich versuche nach Kastanienbaum hinunter etwas Zeit gut zu machen, blitzt die Idee auf, dieses Rennen hier zu beenden.

Auf dem 10. Kilometer schaffe ich kaum mehr mein Marathon-Tempo zu halten. Nun haben wir das Seeufer wieder erreicht. Ich schaue den Regentropfen zu, die im Wasser viele Kringel entstehen lassen, während in meinem Kopf die Gedanken wild durcheinanderwirbeln. "Während 2007 der erste Lucerne Marathon stattfand, lag ich nach einer Bandscheiben-Operation im Spital, und ich habe damals meinem Körper versprochen, nie mehr nach Bestzeiten zu jagen"... (seither habe ich doch die Bestzeiten über sämtliche Distanzen revidiert) - 
"Aber ich habe doch auch noch nie bei einen Lauf aufgegeben!" - 
"Ein gutes Marathon-Tempo-Training könnte dieser Halbmarathon doch noch werden." - "Und so gerne möchte ich die Strecke durchs KKL und die Altstadt sehen..." -

Ich beschliesse ein wenig zu verlangsamen, mit schleichenden Schritten möglichst Schläge zu vermeiden und einfach noch zu geniessen, was es zu geniessen gibt. Dabei kommt plus-minus Mitteltempo heraus.
Jetzt sehe ich sie wieder, die zum Abklatschen ausgestreckten Kinderhändchen. Und die Rosenblätter, die ein Schrebergartenbesitzer für uns über den Kiesweg gestreut hat. Am Zaun zu seinem Paradies hat er wunderschöne Rosengirlanden angebracht. Selber hat er sich auch in Schale geworfen und schwingt in seinem Garten eine Kuhglocke.

Der verschlungene, sehr sanft ansteigende Kiesweg über die Allmend kostet mich noch einmal viel Zeit. Er ist voller Lehmwasser-Pfützen. Mit der Zeit mache ich mir nicht mehr die Mühe, ihnen auszuweichen.

Endlich geht es auf dem 16. Kilometer wieder leicht abwärts, stadtwärts. Es rollt gar nicht so schlecht, und doch scheint die Zeit nur im Zeitlupentempo zu vergehen. Da ich kaum je die Kilometerschilder finden kann, obwohl ich sie doch so sehr herbeisehne, scheint die Zeit noch mehr zu kriechen! Wann sind wir endlich beim KKL?

Alphornklänge! Vielleicht ist es nicht mehr weit! Ja, jetzt biegen wir in ein Gebäude ab. Nein, es ist nur eine Garage oder eine Durchfahrt! Stickig ist es da drin - nur schnell wieder an die frische Luft!
Lange scheint es noch durch einen Hinterhof und verwinkelte Strassen zu gehen - dann ist der grosse Moment da!

Alle Schmerzen sind vergessen. Leuchtend blau und disco-dämmerig empfängt uns die mit blauem Teppich ausgelegte Passage durchs KKL. Von Schwarzlicht beleuchtete neonfarbene Laufschuhe baumeln von der Decke. Bunte Lichtkegel huschen über den Boden. Das Publikum tobt, jubelt und klatscht rhythmisch auf die Banden. Wir klitschnassen Läufer dampfen im warmen Raum - es scheint als ob Nebelmaschinen-Nebel durch die Halle kriechen würde. Die Luft wird schnell knapp. Mit Gänsehautfeeling rase ich über den weichen Untergrund wieder ins Freie.



Nun folgt die neue Attraktion des Lucerne City Marathon. Erstmals führt die Strecke auf einer Schlaufe durch die Altstadt. Von der Bahnhofstrasse aus kann man die Kapellbrücke aus nächster Nähe bestaunen. Die Holzbrücke mit Turm ist wohl DIE Touristenattraktion der Stadt.
Die Passage über die Reussbrücke ist sehr unterhaltsam. In weiten Bögen wird ein Wasser-Spalier über die Brücke gesprüht, es erwartet uns ein roter Teppich und dicke rote Luftballons mit Schweizerkreuz. Welch eine kitschige Kulisse für die Erinnerungsfotos, welche die Fotografen, die ihre Kameras bis auf die Linse wasserdicht eingepackt haben, hier schiessen.

Auf dem Kopfsteinpflaster der Kappelgasse tue ich mich schwer, umso mehr, als es noch einmal leicht aufwärts geht.

Dann sind wir zurück beim Schwanenplatz. Vor uns liegt die bereits bekannte, lange Gerade zum Verkehrshaus. Von den früheren Teilnahmen her ist mir bewusst, dass es sich zieht bis zum Ziel im Innern des Verkehrshauses, da dieses einige hundert Meter hinter dem Starbereich liegt. Auf der Gegenfahrbahn kommen nun die schnellen Marathonis entgegen. Sie sind bereits auf der zweiten Runde. So ist das Laufen recht kurzweilig.
Nach langem vergeblichen Suchen nach einem Kilometerschild, taucht endlich eine mit Flammen verzierte 1 auf. Ein Blick auf die Uhr lässt auf eine Zeit unter 1:40 Stunden hoffen, so versuche ich doch noch einen Endspurt. 
Jeder Schritt schmerzt, und der Käseduft, der von einem Raclette-Stand über's Läuferfeld zieht, dreht mir fast den Magen um. Ich bin heilfroh, als endlich die Kurve zur Lidostrasse und der Eingang zum Verkehrshaus in Sicht kommen. 



Der Zieleinlauf führt an einer alten Coronado-Maschine der Swissair vorbei. Die Uhr zeigt tatsächlich noch 1:39 an. Der rote Laufsteg schwankt unter den maximal beschleunigten Endspurt-Schritten der Läufer, ich schlüpfe mit letztem Krafteinsatz noch an einer Frau vorbei und mit 1:39:40 über die Zeitmessmatte.

Ein Sanitäter schaut mir kritisch in die Augen, lässt mich aber dem Getränke-Stand entgegen wanken. Andi, der mit Hugo bereits vom Finisher-Shirt-Abholen zurück kommt findet auch, ich sei ganz bleich.
Ja nun werde ich mir etwas überlegen müssen! Mein Ziel für den Firenze Marathon revidieren. Seit dem Jungfrau-Marathon hatte ich immer mehr Mühe mit der Regeneration nach anstrengenden Trainings, und die Erholungszeit nach dem Hallwilerseelauf war für mich offensichtlich zu kurz...


Andi "lief" es heute ebenfalls nicht ganz wie von selbst. Mit einer Laufzeit von 1:31:04 Stunden verfehlte er sein Traumziel aber nicht mal um eine Minute. Hugo erlebte jedoch eine Sternstunde, und überraschte uns und sich selber mit einer tollen Zeit von 1:30:31 Stunden!





So haben wir wie immer guten Grund zum Feiern.


Mit dem Schiff geht es zurück zum Bahnhof. Vor der Heimreise geniessen wir beim Fachsimpeln und Garmin-Daten Analysieren ein gemeinsames Mittagessen an der Laufstrecke. Und während die Männer von schnellen Zeiten beim Florenz Marathon träumen, kann ich mir gut vorstellen, dass ich diesen Lauf einfach zum "Dabei-Sein" laufen werde. 

21.1 km Swiss City (Halb)-Marathon Luzern
1:39:40.4 Stunden / 4:43 Min./km / Puls 163
+/- 80 hm / 13° Regen

31. von 615 F40
123. von 2181 Frauen

1203. von 6342 Teilnehmern 
Track 
http://connect.garmin.com/activity/396186538

Kommentare:

  1. Hallo Marianne,
    NATÜRLICH war die Hauptsache, dass Du dabei warst! Herzliche Glückwünsche zum gefinishten Lauf! Du hast alles gegeben, anscheinend bis kurz vor dem Umfallen. Und manchmal soll es eben nicht so sein, wie man sich das wünscht. Für Florenz würde ich nochmal überlegen, was realistisch ist und ggf. reduzieren: Lieber kleineres Ziel und nachher eventuell positiv überrascht, als zu hohe Erwartung und dann enttäuscht.
    Liebe Grüße und gute Erholung
    Elke

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    1. Hallo Elke
      Natürlich ist der Weg das Ziel. Und eine Teilnahme am (Halb)-Marathon in Luzern lohnt schon der einzigartigen Stimmung und der Stadt-/Landschafts-Kulisse wegen ;-)
      Nach dem tollen Hallwilersee-Lauf hatte ich mir ein besseres Laufgefühl erhofft. Wer weiss, womit mein Körper am Sonntag beschäftigt war - der Schädel brummt immer noch...
      Glücklicherweise haben wir bis zum grossen Tag noch fast vier Wochen Zeit. Ein paar Ruhetage liegen drin, dann werde ich mich vorsichtig wieder ins Training hinein tasten.
      Mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, kann auf 42.2 km nur zu "Beulen" führen! Wenn ich auch von einer schnellen Zeit geträumt habe, so will ich in Firenze vor allem eines - genussvoll laufen und glücklich ankommen.
      Danke für die guten Regenerations-Wünsche
      und liebe Grüsse
      Marianne

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  2. Tolle Zeit und herzlichen Glückwunsch!

    Die Passage durchs KKL ist ja schon geil!

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    1. Danke Markus
      Mit ein paar Tagen Abstand zu diesem K(r)ampf überwiegen die schönen Erinnerungen. Die KKL-Passage hätte ich nicht missen wollen :-)
      Gruss Marianne

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  3. Hallo (unbekannte) Marianne
    Hätte den Lauf und die Eindrücke nicht besser beschreiben können.
    War wirklich trotz Regen ein Superfeeling (auch wenn's bei mir etwas gemütlicher ging 1:50:39). Wünsche Dir für dein weiteres "Läuferleben" noch alles Gute und uns weitere so super Berichte von Dir.
    Lieber Gruss aus dem Zugerland
    Maurice

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    1. Hallo Maurice
      Schön zu lesen, dass Du meine Berichte liest, auch wenn wir einander nicht "kennen", und dass sie Dir gefallen!
      Gratulation zu deinem Regen-Halbmarathon Finish!
      Der Weg ist das Ziel, und dieser ist in Luzern wirklich stimmungsvoll.
      Die guten Wünsche nehme ich gern mit auf den Weg und schicke Dir eben solche zurück!
      Lieber Gruss aus dem Seeland ins Zugerland
      Marianne

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