Sonntag, 13. Oktober 2013

Hallwilerseelauf 2013 - 10 km-Bestzeiten mitten im Marathon-Training

Bedeckt oder sonnig? 
Nass oder trocken? 
Windstill oder zugig? 
Kurzärmlig oder warm eingepackt? 
Vor allem aber - schmerzhaft oder befreit - langsam oder schnell?

Wie werden wir unseren 10 km-Testlauf beim Hallwilerseelauf laufen können?
Ist es nach nur drei Wochen Marathon-Aufbau-Training nicht zu früh für einen schnellen 10er? Auf der kurzweiligen, unterhaltsamen Anreise zusammen mit Freund Hugo, sind wir drei uns überhaupt nicht sicher, was wir vom heutigen Lauf erwarten dürfen. Doch das fröhliche Zusammensein lässt die Vorfreude auf den Hallwilerseelauf wachsen.

Im Aargau ist es freundlicher, trockener und heller als in Bern. Wir spazieren in Beinwil am See, diesem malerisch am Hang über dem Hallwilersee liegenden Dorf zur Startnummernausgabe beim Schulhaus, da guckt manchmal die Sonne hervor, aber es weht ein kühler Wind. 
Die Tenue-Wahl drängt. Während Hugo noch eineinhalb Stunden bis zum Start des Halbmarathons bleiben, gilt es für uns bereits in 30 Minuten ernst, und wir haben noch keine Ahnung, wohin die Taschen für den Transport ans Ziel müssen.

Im letzten Moment finden wir das Kleider-Depot hinter dem Startfeld. Wir entscheiden uns für T-Shirt und und kurze Hosen, obwohl sich das Publikum in Winterjacken samt Wollmützen und Schals gehüllt hat. Zur Sicherheit ziehe ich Stirnband und Handschuhe an, zittere beim Einlaufen aber doch vor Kälte.
Wir finden keine flache Strecke, bei den eingestreuten Steigerungen kommen wir nicht auf Touren, die Beine scheinen immer noch sehr müde. 
Laut Trainingsplan müsste ein schneller Testlauf möglich sein, das Laufgefühl lässt uns aber stark zweifeln, ob dies gelingen wird (mein Soll ist - 42:00 Minuten)

Wir stellen uns in den vordersten Startblock, während das Leichathletik EM 2014-Maskottchen, die Plüsch-Kuh Cooly uns mit ihrer Show unterhält und auf den Hörnern einen Kopfstand vollführt.
Die Hauptstrasse wird im letzten Moment gesperrt, und wir werden an die Startlinie geführt. Um 12.35 Uhr können wir den Weg halb um den Hallwilersee unter die Füsse nehmen. 
Wir kommen auf der breiten Strasse gut weg. Auf den ersten Metern geht es leicht aufwärts. Dann folgt die schnurgerade, etwa 2.5 Kilometer lang abfallende Rampe entlang des Geleises der Seetalbahn nach Mosen hinunter. 
Wie lang dürfen wir die Schritte ziehen, wie viel Gratis-Schwung mitnehmen, ohne mit zu stark gebeutelten Beinen unten anzukommen?  

Das erste Kilometerschild taucht nach 3:57 Minuten auf. Auf dem zweiten Kilometer zeigt die Garmin eine Pace von 3:48 Min./km an, das Schild folgt aber erst nach 4:05 Minuten, der Puls-Sensor misst neben der Stromleitung der Bahn "Mist", auf die Technik scheint kein Verlass!
Ich orientiere mich an meiner Atmung und an Andi, der etwa zwei Minuten schneller als ich im Ziel sein müsste. Ich sollte ihn also immer weiter davon ziehen lassen... 


10-Kilometer-Läufe fordern jeweils meine ganze Konzentration. Diese Geschwindigkeit liegt mir ganz und gar nicht! Ich laufe mit stark nach innen gerichteten Antennen und will doch versuchen ein paar Bilder der Strecke festzuhalten.
Die Sonne siegt immer mehr über die Wolken, wir kommen dem blau glitzernden See stetig näher, in der Ferne ist die Königin der Innerschweizer Berge, die Rigi zu sehen, sie trägt einen Wolkenhut, und rund um den See rollen fruchtbare Hügel mit Feldern und Wäldern, die wie eine bunte Patchworkdecke ausgebreitet scheinen. Die Temperatur stimmt optimal für einen schnellen Lauf! Bald ziehe ich die Handschuhe aus.

Am Ende des Sees biegen wir in Mosen Richtung Aesch ab. Andi läuft etwa 100 Meter vor mir um die Kurve. Die Sonne wärmt immer stärker, ein leichter Gegenwind säuselt uns entgegen, jetzt stecke ich auch das Stirnband hinter den Hosenbund. 

Ich rechne die Sekunden zusammen, die ich pro Kilometer auf meine Bestzeiten-Pace gutmache (oder verliere). Nach drei Kilometern habe ich 49 Sekunden Vorsprung.
Auf dem Vierten beginnt die lang gezogenen Steigung hoch nach Aesch - minus eine Sekunde. 

Wir kommen am Ausgang des Dorfes an ein paar Bauernhäusern vorbei, endlich ist der erste Hügel bewältigt. Nach der Hälfte der Strecke habe ich noch 30 Bonus-Sekunden auf dem Konto, und den Beinen geht es überraschend gut. Letzte Woche hatte mich schmerzhaftes Ziehen in den hinteren Oberschenkeln bei jedem Jogging und jede Nacht geplagt.

Jetzt laufen wir auf Feldwege hinaus, wieder abwärts, seewärts über grüne Wiesen unter blauem Himmel, vorbei an Apfelbäumen deren Äste sich vor lauter roten Früchten beugen, entlang von Hecken hinter denen sich Ferienhäuser verstecken. 
Ich fliege! 
3:44 Min./km schnell will mir das 6. Kilometerschild glauben machen, die Garmin hatte auf 4:00 Min./km getippt - 56 Sekunden Vorsprung! Genial, ich bin auf PB-Kurs!!!

Ein nächster Hügel wartet. Diesen zurückhaltend zu bewältigen kann ich mir leisten, und ich versuche noch nicht zu sehr zu keuchen. Das Ende scheint schon in Sicht!
Die siebte Zwischenzeit enttäuscht mich jedoch -  4:32 Min./km - nur noch 34 Sekunden im Plus.


Als ich nach einer Windschutzhecke entdecke, dass der Läufertatzelwurm vor mir in weitem Bogen noch einen Anstieg bewältigt, sinkt mein Mut... Zum Glück nur einen Moment lang! Da vorne am Waldrand läuft ein roter Punkt. Andi ist noch in Sichtweite, in zwei-, dreihundert Metern wird es beim Waldrand wieder abwärts gehen! 
Nun geht mein Atem angestrengt, unter der Kopfhaut und in den Waden kribbelt es vor lauter Übersäuerung, und Seitenstechen schleicht sich an.

Abrupt geht es endlich abwärts! Rechtwinklig biegen wir in Richtung See ab. Der Pfad wird schmaler und führt im Zickzack durch den Wald. Wir tänzeln in voller Fahrt über Entwässerungs-Rinnen, Steine und Wurzeln, die mit hellgelber Warnfarbe angesprüht worden sind. Am Seeufer verläuft der Weg dauernd leicht auf und ab, und die kleine gepflasterte Rampe zum Hotel Seerose hoch erscheint mir bei diesem Tempo wie ein Berg! Das Seitenstechen lässt sich wegatmen, der 8. Kilometer wirkt aber unendlich lang. Habe ich wirklich nur noch 9 Sekunden Vorsprung auf eine Bestzeit? 

Der Wanderweg führt der Betonmauer des Strandbades entlang und in rechtem Winkel direkt auf den See zu. Unten heisst es kräftig in die nächste 90° Kurve zu liegen - ein, zwei Schritte zu viel, und man würde im Wasser landen!
Zwischen Gebüschen und Bäumen am Ufer funkelt der See zauberhaft im Herbstlicht. Der Weg bleibt aber anspruchsvoll, bucklig, von Wurzeln durchsetzt und eng. Wie soll ich so mein Tempo bis zum Schluss halten können? Das Überholen ist meist kein Problem. Nur als ich auf einen Schrank von einem Mann auflaufe, wird der Platz ein bisschen knapp.

Einen Kilometer vor dem Ziel bin ich sosehr am Anschlag, dass ich die Stoppuhr anhalte, statt eine Zwischenzeit zu nehmen. Sofort ist sie wieder gestartet. Aber ich verliere den Überblick über meine Bonus-Sekunden. Der Pfad verläuft weiter uneben, kiesig und kurvig, und das Gefühl, dass es nicht für eine Bestzeit reichen wird, will mich entmutigen.
Vergebens warte ich auf das erlösende Hinweisschild " noch 500 m" und versuche keuchend doch noch etwas zu beschleunigen.


Nach der Kurve beim Delta des Dorfbaches von Meisterschwanden taucht unerwartet plötzlich der rot-schwarze Zielbogen auf und überrascht mich total. Auf den verbleibenden knapp 50 Metern versuche ich schnell noch ein paar Sekunden gut zu machen und schaue ungläubig auf die roten Ziffern der laufenden Uhr - seit dem Start sind erst etwa 41:20 Minuten vergangen - ich werde doch eine neue Bestzeit schaffen!!! 



Die Garmin "tickt" 41:30 Minuten entgegen, glücklich, und ungläubig reisse ich die Arme jubelnd in die Höhe. 
41:34 Minuten zeigt meine Uhr nach der Ziellinie an!
Damit habe ich meine alte Bestzeit vom cityrun 2012 in Zürich um 9 Sekunden unterboten. 

Der Schrank von einem Mann kommt fast gleichzeitig ins Ziel und meint: "Entschuldigung, wegen vorhin!" Ich sage ihm, dass ich nicht wüsste, wofür er sich entschuldigen müsste und teile stattdessen meine Freude über meine neue Bestzeit mit ihm.

Andi ist gar eine begehrte sub40-Zeit gelungen!
Er war bereits nach 39:25.4 Minuten im Ziel - deutliche 34 Sekunden schneller als damals in Zürich!!!

Wir sind erneut erstaunt, dass es nach nur zwei, drei Tapering Tagen möglich ist, die Pace aus den wenigen, ins Marathon-Training eingestreuten 1000 Meter-Intervallen über 10 Kilometer zu halten oder gar zu unterbieten! Eine Geschwindigkeit die uns eigentlich total fremd ist... Wir freuen uns ausgelassen, und bitten jemanden, diesen besonderen Glücks-Moment für uns festzuhalten.



Wenige Meter hinter der Ziellinie warten die Kleidersäcke beim Parkplatz vom Hotel Delphin fein säuberlich nach Nummern sortiert auf uns. Im Nu haben wir uns umgezogen, und es wird uns trotz der frischen Herbst-Temperaturen nicht kalt.



Am Anleger steht ein Kursschiff für den Rücktransport nach Beinwil bereit. Wir setzen uns in dessen Bauch an die Wärme und geniessen das muntere Läufer-Gewusel. Rundum werden Laufzeiten verglichen, Gratulations-SMS empfangen, datasport-Ranglisten gesucht und Abenteuer von der Strecke erzählt.



Unser Schiff ist bald voll, die "Fortuna" legt an und ist bereit, eine neue Schar Sportler aufzunehmen. 



Nach dem Ablegen tuckert unser Schiff am Zielbereich des 10 Kilometer-Laufes vorbei, dann nimmt es Kurs auf Beinwil auf der gegenüberliegenden Seeseite.



Die Fahrt ist gemütlich, ruhig und romantisch. Wir schweben auf Wolke 7, können uns nicht satt sehen an der wunderschönen See- und Hügel-Landschaft, die wir eben durchlaufen haben und könnten die ganze Welt umarmen.



Drüben angekommen gehen wir ein paar lockere Schritte auslaufen, kaufen bei einem Bauernhof getrocknete Apfelringe, gönnen uns eine Bratwurst mit Brot und spazieren wieder zum Seeufer hinunter, um Hugo im Ziel des Halbmarathons zu empfangen.



Auch Hugo unterbietet seinen vorsichtig geschätzte Zielzeit, so wie Andi mit ihm gewettet hatte. Hier sein Laufbericht.

Zusammen schlendern wir Erlebnisse austauschend noch einmal zum Schulhaus hoch. Nun steht dem Feiern nichts mehr im Weg. Ziel-Bier und Bratwurst bzw. Kuchen und Kaffee schmecken besonders gut, wenn wir uns alle über speziell gelungne Laufzeiten freuen können.
Schliesslich gesellen sich unsere run4fun-Marathon-Team Freunde Esther, Pesche und Beat zu uns und erzählen von ihrem heutigen Halbmarathon-Abenteuer.
In solchen Momenten wünsche ich mir, die Zeit anhalten zu können - viel zu schnell ist es Zeit für die Heimreise! 
Das heute gewonnene Glücksgefühl nehmen wir jedoch hinüber in den Alltag. 

Hallwilerseelauf 10 km 
41:34.1 Minuten / 4:09.4 Min./km / Puls 164
- 100 hm / + 30 hm / 9° leicht bewölkt
24. von 635 Frauen
2.  W45, wenn es diese Kategorie gegeben hätte...
Track http://connect.garmin.com/activity/389291897

Andi
39:25.4 Minuten / 3:56.5 Min./km 

Kommentare:

  1. Hallo Marianne,
    ganz herzliche Glückwünsche zu diesem tollen Lauf und Eurem phantastischen Lauferlebnis. Solchen Stress mit der Uhranzeige hatte ich gestern auch einmal, das kann ganz schön verwirren. Super, dass Du Dich nicht hast aus der Kurve werfen lassen davon!
    Die Bilder des Sees zeigen eine sehr schöne Landschaft, das motiviert sicher auch nochmals.
    Gute Erholung und weiter gute Vorbereitung auf Luzern und dann Firenze!
    Liebe Grüße
    Elke

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    1. Herzlichen Dank Elke!
      Uhranzeige hin oder her - ich hab gegeben, was Beine, Atmung und Gefühl hergaben. Zum Glück sind diese Sensoren nicht so störanfällig wie die Technik. Die Daten sind nach dem Lauf "nice to have" zum Analysieren und daraus Lernen ;-)
      Die Schönheit der Landschaft hat mich überrascht, die goldene Herbststimmung hat uns bestimmt beflügelt, der Luftdruck war steigend, das hebt doch gleich auch das Lebensgefühl!
      Wir nehmen uns vor mal den ganzen Halbmarathon um den schönen Hallwilersee zu laufen!
      Danke für die guten Erholungswünsche! Diese sind nötig! Wie konnten wir vor drei Tagen nur so schnell laufen? Unvorstellbar...
      Auch dir viel Energie für weitere Pläne!
      Liebe Grüsse
      Marianne

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  2. Herzlichen Glückwunsch zur Bestzeit!

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  3. Gratulation zum tollen Lauf! Wünsche gute Erholung - und auch etwas Beinehochlagern und Geniessen!

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    1. Danke vielmals Chris!
      Die rote Warn-Flagge, die du schwenkst sehe ich!
      Wir versuchen die Gratwanderung der nächsten sehr umfangreichen Trainings-Woche heil zu überstehen und nehmen es bis Freitag bewusst gemütlich. Dann hoffen wir, uns trotz 64 km in drei Tagen nicht zu weit über den Abgrund zu lehnen...
      Gruss Marianne

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