Samstag, 1. Juni 2013

Stockholm Marathon 2013

Ein Gewitter und starker Regen sind für die Mittagszeit in Stockholm angesagt. Auf dem Weg zum Start ist es jedoch nur leicht bewölkt, ein bisschen sonnig und drückend feuchtheiss.




Über mehrere Wege werden die einzelnen Startgruppen ins Startfeld geführt.




16'750 Läufer gehen an den Start!


Das Startband ist kaum zu sehen ...


... und das Feld scheint hinter uns unendlich.


Das Publikum scheut keine Mühe, den Start mitzuerleben.


Auf dem breiten, durch eine Allee zweigeteilten Valhallavägen, verteilt sich der Läuferstrom gut. Wir können bereits auf dem ersten Kilometer unsere geplante Geschwindigkeit laufen.


Meine Bauchschmerzen sind glücklicherweise über Nacht verschwunden. Das Immunsystem scheint jedoch noch stark beschäftigt, denn mein Puls klettert trotz Longrun-Tempo ebenso hoch, wie bei einem wettkampfmässig gelaufenen Marathon.

Es ist ungewohnt heiss, und der Schweiss rinnt bald in Strömen.
Ein kurzer Blick auf "Gärdet", eine von Stockholms riesigen Grünflächen, dann geht es durch Musik beschwingt hügelabwärts der Innenstadt und dem Wasser entgegen.


Nach vier Kilometern füllt der Läuferstrom beim Dramaten - dem Nationaltheater - immer noch zwei Strassen. Das Feld ist dicht. Manchmal ist das nebeneinander Laufen schwierig. Und doch stellen wir nach jedem Kilometer fest, dass wir ein paar Sekunden schneller als geplant unterwegs sind. 


Auf der Insel Stadsholmen rennen wir entlang der pastell- und terracotta-farbenen Häusern der Altstadt Gamla Stan ...


... und werden in Slussen durchs Verkehrskarussel zur Insel Södermalm geschleust. Ein paar Schritte lang wird es im gewundenen Tunnel eng.


Jetzt geht's auf Söder Mälarstrand entlang von Riddarfjärden. Das ist die letzte Bucht des 120 Kilometer langen Mälarsees, bevor dieser in Slussen auf Saltsjön, die Ostsee trifft.

Vom anderen Ufer grüsst Stockholms mächtiges Rathaus und Wahrzeichen, das Stadshuset.
Die Luft ist immer noch schwül-heiss, und ich frage mich, wie ich diesen Marathon durchstehen soll. 
Doch nun fallen die ersten Regentropfen.


Keinen Meter müssen wir ohne Unterstützung auskommen.
Das Publikum in Stockholm ist genial!


Mit so viel Zuspruch bewältigen wir den berüchtigten Anstieg auf die Brücke Västerbron  bei Kilometer 8 besser als erwartet. 


Die Aussicht ist atemberaubend und der Wind kühlt ein wenig.

Mein Puls klettert jedoch über 160! 
Ist die Wärme schuld, oder die Bauch-Geschichte doch noch nicht ganz ausgestanden? 
Den Beinen geht es aber sehr gut. 
Wie wenn wir den Autopiloten eingeschaltet hätten, "fliegen" wir mit der gewohnten Longrun-Pace über die Strecke. Daran kann auch der Brücken-Buckel nichts ändern. Wir laufen konstant 5 - 10 Sekunden schneller als 5:40 Min./km.


Wir erreichen die Insel Kungsholmen und tauchen in den Rålambshofspark ein.


Bis zum Stadshuset erwartet uns auf Norr Mälarstrand eine fast zwei Kilometer lange Gerade. Wir stemmen uns gegen den Wind, das kostet Energie. Doch der erfrischende Luftstrom ist nicht unwillkommen.


Ich lasse keine Dusche aus.


Es zieht sich bis zum Stadshuset, in dem alljährlich das Bankett anlässlich der Nobelpreisverleihung stattfindet.


Von den blauen Flaggen grüsst der Stadtgründer Birger Jarl.
Es geht über die Brücke Stadshusbron. Und in der Unterführung zur Insel Normalm erwarten uns wieder ein paar Höhenmeter. 



Beim Bahnhof wirkt die Stadt kühler und nüchterner als auf der übrigen Strecke.
Die Zuschauer machen das Laufen jedoch überall kurzweilig. 

"Heja på - bra jobbat - kom igen - jättestarkt" - 
"Hopp - gut gemacht - weiter so - riesigstark" 
tönt es von allen Seiten, sogar von oben!


Wir erklimmen den langgezogenen Hügel zum Stadtteil Vasastan.


Beim Vasaparken haben sich besonders viele begeisterte Fans stationiert. 


Der Marathon ist ein Volksfest.
Und die Schweden geniessen dieses gerne bei einem Picknick im Park.


Ein schneller Blick hinein in die Dalagatan.
Im weissen Mehrfamilienhaus wohnte Astrid Lindgren 
von 1941 bis zu ihrem Tod 2002 in einer schlichten Vierzimmerwohnung.


Wir schwitzen auf unserem Weg die Odengatan hinan!


Viele Bands machen uns das Rennen leichter und treiben uns mit motivierenden Rhythmen vorwärts.


Nach dem Platz Odenplan können sich die Beine eine Weile erholen. Wir rollen ein kurzes Stück abwärts.


Bei der St. Georgs kyrka biegen wir Richtung Stadion ab.



Es geht am Park Hummle-(Hopfen-)gården vorbei, dieser war früher der königliche Gemüsegarten.


Die grösste ausländische Teilnehmergruppe stammt aus Finnland.
Sie werden von ihren Fans lautstark gefeiert.


Und wieder geht es aufwärts. Nach gut 16 km sind wir zurück beim Olympiastadion von 1912, und es geht auf die zweite Runde.

Die Streckenhälfte ist jedoch noch lange nicht erreicht! 


Noch sind es fast 26 Kilometer bis zur Ziellinie!
Ich darf nicht daran denken. 

Wir laufen zwar sehr regelmässig. Es gelingt nicht auf 5:40 Min./km zu verlangsamen. Obwohl ich mich deutlich mehr anstrengen muss, als bei allen anderen Erlebnis-Marathons zuvor. 

Nach ausgiebigem Benetzen mit dem Schwamm tritt mein Pulsmesser in den Streik. 
Und ich bin so froh, dass ich die hohen Pulswerte gar nicht mehr sehen kann.
Sofort laufe ich entspannter.
Unsere gewählte Geschwindigkeit fühlt sich gut an.
Und doch fürchte ich, dass die Energie nicht für 42.195 km reichen wird.


Die Strecke ist so abwechslungsreich, dass die Kilometer schnell verfliegen, obwohl sich dieser Erlebnis Marathon zu anstrengend anfühlt.
Das Gefühl ist schwer zu erklären.

Unser zweiter Stockholm Marathon, von dem ich erwartet hatte, er würde ein "Spaziergang" werden, stellt sich plötzlich als grosse Herausforderung dar.

Doch das dabei Sein ist so spannend! Ich freue mich auf jeden weiteren Kilometer, es gibt unglaublich viel zu sehen - weiter gehts!

Wir kommen in den Genuss der unterschiedlichsten Musikstile ...


...  und biegen zur 10 Kilometer-Schlaufe durch Stockholms grüne Lunge ein.


Der bunte Läufertatzelwurm biegt vor dem 155 Meter hohen Fernsehturm Kaknästornet zur Überquerung von "Gärdet" ab.


Auf Ladugårdsgärdet weideten früher die Kühe des Königshofes. 
Die Strasse quer über's Feld hat einen langgezogenen Buckel, führt zuerst aufwärts ...


... dann rollen wir abwärts km 21 entgegen. Der Halbmarathon ist gleich geschafft!
Jetzt geht es ja schon "heimwärts"!


Eine Spitzkehre führt uns zum Hafengebiet.
Hier werden Salzgurken verteilt. Ich genehmige mir eine - das Salz tut gut!



Der Hafen grenzt direkt an den Wald.
Es beginnt zu regnen, die Strecke wird hügelig, doch wir geniessen das satte Grün und den betörenden Duft des blühenden Flieders.



Der Kaknästornet grüsst ganz aus der Nähe.


Der Song "That's the way I like it" spricht uns aus der Seele.
Die Regenkühlung macht die Hitze erträglicher.


Wir widerstehen der Versuchung hier einzukehren ...


... und laufen auf die Parkinsel Djurgården (Tiergarten) hinüber, welche ehemals königliches Jagdgebiet war. Die Insel gehört zum weltweit ersten und einzigen Stadt-Nationalpark.


Auch im Grünen gibt es viel Unterhaltung. Und mit Wasserkühlung von oben lassen sich die vielen Hügel besser bewältigen.


Auf der Insel stehen viele uralte Eichen, welche vor über 400 Jahren den Sägen der Kriegsschiff-Bauer entgangen sind. 
Nun erreichen wir wieder das Meer.


Ein riesiges Kreuzfahrtschiff läuft aus.


Endlich haben wir den letzten Hügel der Wellblechstrecke durch die eindrückliche Parklandschaft von Djurgården geschafft. 


Wir kommen zum interessanten Museums-Zipfel von Djurgården.
Hier liegt das älteste Freilichtmuseum der Welt - Skansen ...


... und dies ist kein Schloss, sondern das Nordiska Museet, welches sich 500 Jahren Kulturgeschichte widmet. Und eine spannende Dauerausstellung über die Lebensweise der Sami beherbergt.


Wir verlassen Djurgården. Von der Brücke, welche zum Strandvägen hinüber führt, grüssen uns die altnordischen Göttergestalten - Freja, Frigg, Heimdall und Thor.


Bei km 28 sind wir wieder auf der bereits bekannten Strecke. 
Der Läuferstrom ist immer noch dicht, und die Zuschauer stehen weiterhin mehrreihig. 

Wir laufen entlang der üppigen Lindenbaumallee von Strandvägen. Diese Paradestrasse ist mit ihren palastartigen Häusern die feinste Adresse in Stockholm. 
Unsere Blicke wandern aber eher zu den Hausbooten am Kai, über's Wasser bis nach Södermalm und Gamla Stan oder zu den auslaufenden, weissen Ausflugsdampfschiffen. 


Nach 30 Kilometern sind wir zum zweiten Mal beim imposanten Königlichen Schloss.


Und erneut schluckt uns der Tunnel in Slussen.


Eine Karnevalstänzerin schickt uns auf die lange Gerade zur Västerbron.


Der Regen löscht alle Farben aus. Stadshuset, Riddarfjärden und die Hausboote - alles scheint grau.


Die Stimmung bleibt aber gut und beflügelnd. Das Publikum harrt aus. Es wird gesungen und unermüdlich geklatscht. Mir scheint sogar intensiver als auf der ersten Runde.

Der Speaker an der Rampe zur Västerbro ist begeistert und scheint es kaum zu glauben: 
"Nu har ni sprungit jävla 33 km och ni ler fortfarande!"
"Jetzt seid ihr 33 teuflische km gerannt und ihr lacht immer noch!"


Jemand hat auf der Västerbro mehrere riesige Lautsprecher aufgestellt. Die Musik trägt uns auf unserem 34. Kilometer schneller nach Kungsholmen hinüber, als bei der ersten Überquerung.



Die lange Gerade auf Norr Mälarstrand will diesmal kaum enden. Trotzdem werden wir nicht langsamer. Es regnet immer stärker, und die Pfützen werden tiefer. Doch die Temperatur ist für uns ideal zum Rennen. Ich staune, dass meine "Batterie" immer noch hält. Der Rest der Strecke ist kürzer als mein Montags-Jogging - das werde ich wohl schaffen!


Andi kriegt vor dem Stadshuset einen Ballon geschenkt und gibt ihn bei der Bahnhofunterführung einem Kind weiter.


Auf dem 39. Kilometer wird Traubenzucker verteilt. Die Strasse ist davon ganz weiss und bestimmt klebrig geworden. Deshalb machen wir einen grossen Bogen um diesen Energie-Posten.
Wir atmen auf. Die letzten happigen Höhenmeter sind gleich bewältigt!


Erleichterung macht sich breit. Das Ziel ist nicht mehr weit!


Ein Kilometer noch. Der 42. zieht sich! 
Die Strecke führt erst am Stadion vorbei und auf dessen Rückseite entlang.


Endlich der lang ersehnte Moment. Durch ein Seitenportal dürfen wir in die Arena eintauchen!


Wir nehmen uns vor, jeden einzelnen Schritt auf der federnden Rundbahn bewusst zu erleben, festzuhalten und zu geniessen.


Der Jubel im Stadion ist gewaltig!
Gänsehautfeeling pur!
Wir ziehen doch einen Endspurt an.
Wir winken und strahlen.
Und meine Augen werden feucht - nicht vom Regen ...




Der Zieleinlauf ist unbeschreiblich überwältigend.


Unser heutiges Ankommen ist nicht weniger emotional als das Allererste.
Und wir haben das Ziel von damals heute erreicht - sub 3:59:59.
3:53:53 zeigen unsere Uhren an! 


Erleichterung, Glück und Freude lassen uns strahlen - trotz Platzregen.




Lange können wir nicht im Stadion verweilen - ein letzter Blick zurück zum Schild über dem Hauptportal - 

Välkommen till Stockholms Stadion!
Ja, das Publikum hat uns wie Sieger willkommen geheissen.

Schon müssen wir dem Finisherstrom auf den Sportplatz von Östermalm folgen. 


Wir schlüpfen schnell in die trockenen Finishershirts und unsere Regenpellerinen.
Und eine exotische Kombination von Kaffe und Bier samt Kanelbulle (Zimtschnecke - das schwedische Nationalgebäck) haucht uns genügend Wärme und Energie für den Weg zum Hotel ein.

Am Abend kehren wir zurück zur Dalagatan.
Im weissen Haus, in dem Astrid Lindgren wohnte, gibt es im Parterre ein beliebtes Bistrot.

Hier lassen wir den Marathontag würdig aber auch ein bisschen traurig ausklingen.
Während Lisa, die sich nach einer Schulteroperation mit einem kurzen "Notfall-Plan" auf den Marathon vorbereitet hatte, glücklich ins Ziel gekommen war, musste Ruth nach 28 Kilometern, starker Schmerzen wegen, das gemeinsame Abenteuer abbrechen.

Ein Marathon ist wie das Leben selber - nie ganz voraussehbar oder planbar.
Und Freude und Leid liegen oft nahe beieinander. 

Stockholm Marathon 
42.195 km / 3:53:53 Stunden / 5:32.6 Min./km / Puls ?

1. Halbmarathon 1:56:36
2. Halbmarathon 1:57:17
+/- 340 hm / 21° leicht bedeckt, feuchtheiss bis 15° Sommerregen

Track http://connect.garmin.com/activity/321118111

Kommentare:

  1. Freut mich, dass deine Bauchschmerzen nicht mitgelaufen sind! :) Schöne Bilder!

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    1. Hallo Michelle
      Es freut mich, dass dir unsere Regen-Bilder gefallen. Ja, das war ein Riesenglück, dass die Bauchgrippe genau in der Nacht vor dem Lauf ausgestanden war!
      Gruss Marianne

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  2. Gratulation zu den Sub-4x2. Und während der mehr als 42 Kilometer noch Zeit haben, so viele Bilder zu schiessen - Hut ab!

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    1. Vielen Dank Chris
      Nicht ganz ohne Zittern haben wir die 3:59:59 in Stockholm neun Jahre nach dem ersten Versuch doch noch geknackt! Manchmal braucht es Geduld im Leben :-)
      Dass die Bilder bei diesem Wetter überhaupt scharf geworden sind, hat mich sehr erstaunt. Viel Zeit zum Fotografieren nehme ich mir nicht, ich knipse einfach in voller Fahrt drauflos ;-)
      Viele Grüsse Marianne

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  3. Herzliche Gratulation zu eurem Erlebnismarathon in Stockholm!
    Gute Erholung euch allen.
    Liebe Grüsse, Hugo

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    1. Hej Hugo
      Vielen Dank! Einmal mehr war es ganz toll in Schwedens Hauptstadt zu laufen! Es war anstrengender als geplant, doch das Regenerations-Jogging verlief gestern schon besser als wir erwartet hätten.
      Liebe Grüsse Marianne

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