Samstag, 8. Juni 2013

Nachtmarathon Bieler Lauftage 2013

 Die "Nacht der Nächte" fasziniert mich schon lange.
Die Strecke der Bieler Lauftage führt fast an unserer Haustür vorbei. 

Alljährlich dachte ich in dieser Sommernacht mit Ehrfurcht an all jene, welche die Herausforderung eines 100 Kilometer Laufes auf sich nehmen.
Der Wunsch keimte, selber in diese mystische Nacht hineinzuschnuppern, einen Nacht-(Halb-)Marathon zu laufen.

Die lätti runners starteten vor drei Monaten zum Training auf die nahe beieinander liegenden Marathons von Stockholm und Biel hin. Die Idee innerhalb einer Woche einen Doppel-Erlebnis-Marathon zu wagen, schlug immer tiefere Wurzeln.
Mich für Biel anzumelden, wagte ich aber erst am Donnerstag, als ich spürte, dass ich mich gut vom Marathon in Stockholm erhole.

Kurz vor Sonnenuntergang mache ich mich am Freitag Abend zusammen mit Fränzi und Regula auf nach Biel.
Wir haben genug Zeit, unsere Rucksäcke für den Transport nach Oberramsern abzugeben, die Startnummern auf der Brust und die Kennzeichnung 42.2 km auf dem Rücken festzustecken, ein paar Schritte einzulaufen, und die prickelnde Atmosphäre beim Kongresshaus auf uns wirken zu lassen.
Wir schauen den 100 km Läufern bei ihren Start-Vorbereitungen zu, bewundern sie für ihre Leistungsfähigkeit und sind erstaunt, wer alles fähig ist, über die 2.5 fache Marathon-Distanz zu laufen! 

Unser Vorhaben 42.195 km zurückzulegen scheint ein wenig banal. Wir spielen in der "Nacht der Nächte" nur die Nebenrollen!
Wir sind aber voller Vorfreude und sind gleichzeitig ganz kribbelig. 
Haben wir das richtige Tenue gewählt? 
Ich trage ein Trägershirt und habe Ärmlinge eingesteckt, Fränzi und Regula laufen im T-Shirt und haben eine Windjacke umgebunden.
Ankommen ist unser oberstes Ziel. 
Doch wie wird das sein, in der Dunkelheit zu laufen und dem Biorhythmus entgegen zu handeln?

Die Nacht bricht herein. Mit tosendem Applaus und Polizei-Motorrad-Begleitung werden die Coaches der 100 km Läufer auf die Strecke geschickt. In Körben und Satteltaschen transportieren sie alles, was die Mägen ihrer Schützlinge während der langen Nacht begehren könnten. Bis zum Morgen auf den Stahl-Eseln zu sitzen, ist eine ebenso bewundernswerte Leistung, wie die Strecke rennend zu bewältigen! 


Um 22:00 Uhr fällt der Startschuss für die knapp über Tausend Hauptakteure. Bis die Letzten die Startlinie erreichen, dauert es mehr als eine Minute. Die Worte, welche der OK-Präsident den Ultra-Läufern mit auf den Weg gibt, lassen mich erschauern: "Wir erwarten euch gesund und glücklich morgen früh hier im Ziel!"
Sie werden laufen bis ein neuer Tag heranbricht - eine schier unvorstellbare Leistung erbringen!


Wenig später finde ich mich neben meinen beiden Kolleginnen zum zweiten Mal innerhalb von sechs Tagen in einem Marathon-Startfeld wieder! 
Wird dieses Abenteuer gut gehen? 
Ich hab heftigeres Herzklopfen als vor einem Bestzeiten-Versuch!
Bin ich überhaupt fähig, Fränzi und Regula über die ganze Distanz zu begleiten?
Werden wir die richtige Geschwindigkeit treffen?

Was hält diese Nacht für uns bereit?
Wird sich der Traum vom gemeinsamen Zieleinlauf verwirklichen?

Wir knipsen die Stirnlampen an, lauschen der festlichen Ansprache des OK Präsidenten, und schon fällt um 22:15 Uhr rauchend der zweite Startschuss.


Auf den ersten paar hundert Meter kämpfen wir uns zwischen langsameren Läufern und Nordic-Walkern hindurch und stolpern ein paar Mal über deren Stöcke. Die Organisation des Startfeldes der Unterdistanzen könnte optimiert werden. Nach wenigen Minuten haben wir aber kein Problem mehr, zu dritt vorwärts zu kommen.

Zuerst geht es auf eine gut 7 Kilometer lange Doppelrunde durch Biel. 
Die Stimmung in der Stadt ist mitreissend. Das Publikum schickt uns mit viel Applaus und guten Wünschen auf den Weg. Hinter uns im Feld singt und johlt eine Gruppe übermütiger Läufer. Die Strassen-Restaurants sind bis auf den letzten Platz besetzt, und es stehen viele Kinder mit staunenden Augen am Strassenrand. Reihenweise Händchen zum Abklatschen, strahlende Gesichter bei den jüngsten Zuschauern und den Läufern. Beim Zentralplatz herrscht kurz Gegenverkehr. Wir winken unseren Läuferkollegen - es ist herrlich unterwegs zu sein zum grossen Abenteuer!

Und doch sehnen wir uns nach den Feldwegen, über die wir bald laufen werden. Nach dem heissen Sommertag ist es noch drückend schwülwarm zwischen den Häuserzeilen. Die Strasse strahlt Wärme ab, und wir sind froh um jedes leise Lüftchen, das entlang des Flüsschen Schüss durch die Stadt streicht und uns ein bisschen Kühlung verschafft.

(Die Nacht-Aufnahmen sind nur mässig gut geworden, die einmalige, besondere, unvergessliche Stimmung helfen sie dennoch zu vermitteln.)




Fränzis Puls und Regulas Achillesferse, die gleichnamige Sehne sind unsere Tachometer. Es geht uns allen gut, wir finden einen angenehmen Rhythmus. Ich fühle mich wohler als beim Stockholm Marathon, meine Beine laufen wie von selbst, und wir sind begeistert vom Auftakt zu unserem Nacht-Marathon.


Bereits nach 3.5 Kilometern werden zum ersten Mal Erfrischungen serviert. Es gibt Wasser und Sportgetränke. Bevor das Runden-Drehen zwischen Kilometer 7 und 8 zu Ende ist, dürfen wir erneut zugreifen. Ich schütte mir einen Becher Wasser über den Kopf. Herrlich kühlend rinnt das Nass meinen Zöpfchen entlang den Rücken hinunter.


Unter der Bahnlinie hindurch verlassen wir die Innenstadt und machen uns auf den Weg nach Port. In der Stadt war noch jeder Kilometer markiert. Jetzt folgen die Schilder in 5 km Abständen. Doch unsere GPS messen ziemlich genau.


Wir laufen über den Nidau-Büren-Kanal ...


... und erreichen auf dem 12. Kilometer den berüchtigten Anstieg hoch zum Hungerberg bei Bellmund. Auf dem Weg nach Jens warten etwa 100 Höhenmeter auf uns. 
Verhungern wollen wir beim bergauf Laufen nicht. Wir verpflegen uns ein erstes Mal mit Energie spendenden Gels, die wir selber mittragen. Wir nehmen es bewusst gemütlich und werden von der rasant rennenden Staffel-Spitze überholt.


Die Zuschauer unterstützen uns kräftig. Obwohl es gegen Mitternacht zu geht, sind immer noch viele Kinder an der Strecke und wollen den besonderen "Umzug" miterleben. Sie lassen sich allerhand einfallen, um uns die erste schwierige Passage zu erleichtern. Aus Ghettoblastern wummert rhythmusstarke Musik, und ein paar Teenager benutzen die Strecken-Absperr-Pylonen kurzerhand als Megafon.


Nach gut zwei Kilometern ist der happige Anstieg geschafft. Wir geniessen den luftigen Ausblick auf die Lichter von Biel. Danach dauert es eine Weile, bis wir unsere Beine auf schnelles bergab Laufen umgestellt haben. Die hart erarbeiteten Höhenmeter werden abrupt vernichtet, denn die Strasse nach Jens hinunter hat bis zu 10% Gefälle.

Ins Flache hinaus zu laufen fühlt sich herrlich an. Wir machen einen kurzen Stopp an der Verpflegungsstelle und rüsten uns für die lange Feldweg-Passage nach Kappelen. Das erste Drittel ist bereits geschafft!

Die anstrengende Überquerung des Hungerbergs hat ein Opfer gefordert.
Ein junger Mann liegt am Strassenrand. Er ist zum Glück bei Bewusstsein und wird von mehreren Sanitätern fachkundig versorgt. Aus der Ferne ist bereits das Martinshorn der Ambulanz zu hören. Einen Moment lang macht sich Beklemmung breit!


Nach einer Rechtskurve wechselt die Strecke abrupt ihr Gesicht. Wir verlassen die von Strassenlampen beleuchtete Strasse und biegen nach rechts zwischen die Gemüsefelder ab. Absolute Dunkelheit umschliesst uns. Der knochentrockene Feldweg knirscht unter den Schuhsolen. Und die vielen Läuferfüsse wirbeln ganz schön viel Staub auf.

Es braucht eine Weile, sich an das Laufen in der pechschwarzen Nacht zu gewöhnen. Die unebenen Wege fordern Respekt. Längst haben wir die vor uns gestarteten 100 km Läufer eingeholt. Einige legen die Strecke zu zweit oder in Gruppen marschierend zurück. Nicht immer bewegen sich die Langsamsten rechts. Das Überholen zu dritt ist knifflig. Doch wir sind den flink laufenden Staffel-Läufern wohl auch manchmal im Weg.

Wir atmen tief durch, es duftet intensiv nach Sommer und frischem Heu.
Über uns wölbt sich der Nachthimmel. Da der Mond nicht scheint, glitzern die Sterne besonders intensiv und zahlreich.
Wir sind uns einig - dieser Nachtmarathon ist etwas ganz Besonderes und macht riesig Spass!
Unsere Stirnlampen leuchten uns den Weg viel besser, als wir erwartet hätten.


Die Versorgungsstelle von Kappelen wirkt wie eine leuchtende Oase in der Dunkelheit. Meine Trinkflasche ist leer, da ich sie mit meinen Mitläuferinnen teile. Das Angebot an den Verpflegungsposten ist reichlich und für das Auffüllen der Eigenverpflegung stehen immer mehrere gefüllte Messbecher mit Wasser bereit. 


Auffällig viele Teilnehmer sind nicht in bequemen Turnschuhen und Sport-Tenue unterwegs. Wir möchten nicht tauschen und spenden den Soldaten, die gute Musik im Rucksack mittragen und fröhlich plaudernd unterwegs sind Applaus.


Kurz vor Aarberg hat Regula einen Grund zum Jubeln. Ihre Familie überrascht uns mit einem Besuch an der Strecke. Bis zur Holzbrücke laufen sie alle mit, wir geniessen die Unterhaltung und treten die zweite Hälfte beschwingt an.


Das Überqueren der berühmten Brücke aus dem 16. Jahrhundert ist viel zu schnell vorbei. Rasant verläuft auch die Passage durch das kleine Städtchen Aarberg.
Kaum hat uns die alte Holzbrücke auf den Marktplatz ausgespuckt, schlägt uns tosender Applaus entgegen. Hier herrscht Strassen-Fest-Atmosphäre. Die Zuschauer stehen dicht an dicht und heissen die Halbmarathon-Läufer im Ziel willkommen. 
Auf einer separaten Lauf-Spur werden die Marathon- und 100 km Läufer weitergeschleust. Nach der Hälfte der Strecke feiert man uns bereits wie Helden. 

Aus den Augenwinkeln heraus entdecken wir Laufkollegin Doris samt Tochter! Ein schnelles Hallo, begeistertes Winken - und vorbei sind wir! 


Durch ein enges Gässchen geht es auf eine Nebenstrasse hinaus.
Schlagartig wird es still. 
Wir haben ohne die Halbmarathonis viel weniger Gesellschaft und fragen uns gar einen Augenblick, ob wir hier richtig sind.

Unser Kurs stimmt. 
Das Licht der nächsten Verpflegungs-Stelle ergiesst sich in die Dunkelheit. 
Nun gibt es ein erweitertes Angebot. Neben Cola könnte man auch Früchte und Brot fassen. Ich begnüge mich mit Wasser und fülle meine Flasche randvoll, denn bis zur nächsten Gelegenheit zum Auftanken ist es abenteuerliche 8.5 Kilometer weit.  


In einer weit auseinander gezogenen Kolonne sind wir nun unterwegs. 
Die Dunkelheit wird im Wald an der alten Aare noch intensiver.
Vom sumpfigen Ufer schallt uns ein vielstimmiges Frosch-Konzert entgegen. Und im Kegel unserer Stirnlampen huschen Fledermäuse durch die Nacht.


Bevor es zurück in die Zivilisation geht, legen wir eine Biopause ein, gehen ein paar Schritte und freuen uns, bald Fränzis Mann zu treffen.
Er bringt uns Bouillon, Wasser und Cola an die Strecke, damit wir nicht so lange ohne Stärkung auskommen müssen.
Das Cola wirkt Wunder. Das verdünnte Winforce-Gel hat sich bisher quer in meinen Magen gelegt. Er möchte zu dieser späten Zeit wohl lieber ruhen, als mich mit nächtlicher Turbo-Energie zu versorgen.

Wir traben durch Lyss. Im Vergleich zu Aarberg ist es im grössten Ort an der Marathon-Strecke unerwartet ruhig. Die Nachtschwärmer nehmen erstaunlich wenig Notiz von uns Langstreckenläufern. 
Umso wohltuender ist die Aufmunterung, des Verkehrs-Kadetten, der uns mit einem Leuchtstab den Weg nach Ammerzwil weist.


Wir haben grossen Respekt vor den Höhenmetern, die uns bis km 30 bevorstehen.
Strammes Marschieren fühlt sich besser an als das Rennen und ist eine gute Abwechslung für die langsam müde werdende Muskulatur.

Im hohen Gras geben die Grillen und Heuschrecken ein Nacht-Konzert. 
Schnell gewinnen wir an Höhe. Wir lassen Lyss hinter uns. Beim Zurückblicken über das Seeland können wir bis zum Jura schauen. Irgendwo dort drüben in der Ferne liegt der Hungerberg - so weit sind wir schon gekommen! 


Wir haben beschlossen, nie auszurechnen, wie spät oder besser gesagt früh es eigentlich ist.
Unendlich lange muss dieser Teenager schon auf dem einsamen Feldweg an der Strecke stehen. Er bimmelt mit einem Glöckchen und hat für jeden einzelnen Läufer einen motivierenden Gruss bereit: "Gut macht ihr das, ihr werdet es schaffen ...", ruft er uns zu. Wir glauben es gerne!


Und weiter geht es durch diese zauberhafte Frühsommer-Nacht.
Ein ganz sanfter Nord-Ostwind fächelt uns entgegen. Die Luftfeuchtigkeit steigt. Atem-Dampfwolken schweben manchmal wie Geister vor unseren Gesichtern, und Regula schlüpft in ihre Jacke.


Oberhalb von Lyss tauchen wir in den Wald ein. Ein paar hundert Meter geht es steil abwärts, so steil, dass wir das Gefälle nicht in Tempo umsetzen können. Bremsen ist ähnlich anstrengend wie bergauf zu laufen.


Ein ebenso hochprozentiger Anstieg führt zum Weiler Weingarten hoch. 
Wir fühlen uns an einen Berg-Marathon versetzt und erlauben uns eine weitere Gehpause. 

Das spärliche Publikum auf der Hügelkuppe mahnt mich, meine Stirnlampe abzublenden. Offenbar ist diese ganz besonders lichtstark.
Vor uns überwinden rote und weisse Lichtpunkte eine weitere Senke. 

Als ob wir Motten wären, werden wir vom Flutlicht auf dem Sportplatz beim Schulhaus Ammerzwil angezogen.
Die Auslage bei den Verpflegungsposten wird immer reichhaltiger.
Ich begnüge mich eine Weile mit Wasser, während Fränzi und Regula kräftig zugreifen.
Wir nehmen uns Zeit, gehend aufzutanken und starten gut versorgt zum letzten Drittel.
Wir sind uns bewusst - auf dem 30. Kilometer beginnt der Marathon erst richtig!


Auch blinde Läufer sind mit ihren Begleitern auf dem langen Weg durch die Nacht der Nächte.


Auf dem sanften Abwärts-Kurs nach Grossaffoltern kummulieren wir unsere Krisen. 
Leichte Waden-Krämpfe, der Puls, der zu stark klettert und ein flaues Gefühl im Magen verhindern, dass wir leichtfüssig dem Dorf mit den vielen Storchen-Horsten entgegen rollen können. 
Die Luft ist nun so feucht, dass sich ein kühler Film auf die Haut legt. 
Ich ziehe meine Ärmlinge an.


Wir freuen uns, dass der hügelige Streckenabschnitt bald zu Ende sein wird und legen da und dort kurze Gehpausen ein. 


Im Dorf herrscht noch viel Betrieb, die Zeit vergeht schnell, und wir sind überrascht, dass die Postauto-Haltestelle oberhalb von Vorimholz viel schneller auftaucht, als erwartet. 


Sie markiert den Übergang nach Scheunenberg und ins Limpachtal.
Endlich geht es sanft abwärts. 
Weit in der Ferne erahnen wir das Ziel. 
Eine filigrane Ameisenstrasse aus roten und weissen Leucht-Punkten bewegt sich am Rande der zwei Kilometer breiten Ebene entlang des Buecheggbergs.


Jetzt sind wir überzeugt, dass wir es schaffen werden!
Keine 10 Kilometer trennen uns mehr von der Ziellinie.

Ich breite die Arme aus, stelle mir einen Moment vor, dass ich fliege.
Diese Nacht ist einmalig, märchenhaft, wunderschön, zauberhaft - mit Worten kaum zu beschreiben! 

Die Sterne glitzern wie Abermillionen von Diamanten am Himmel.
Und die Nacht-Marathon-Welt unterscheidet sich grundsätzlich von der Atmosphäre, die ich bei allen bisherigen Marathons erlebt habe.


Kurz vor der Hauptstrasse in Scheunenberg werden wir unverhofft kontrolliert. Ein Stempel wird auf die Startnummern gedrückt, und diese werden akribisch notiert.

Regula wagt an der Verpflegungsstelle am Dorfausgang nicht mehr anzuhalten. Sie möchte ihre müden Muskeln auf keinen Fall aus dem Takt bringen.
Ich trage ihr je einen Schluck Bouillon und Cola hinterher und bleibe nachher bei Fränzi.

Noch sieben schnurgerade Kilometer stehen uns bevor.
Der Feldweg ist weniger holprig als befürchtet und geht bei der gut gesicherten Hauptstrasse Wenig-Schnottwil in eine Teerstrasse über.


Die Lichter vom Dörfchen Balm tauchen in der Ferne auf. 
Es gibt doch noch ein paar Bodenwellen zu überwinden. 
Fränzi und ich marschieren ein paar Schritte, teilen die Strecke in verdaubare Häppchen ein, traben bis zum nächsten Baum, zum Ortschild und laufen durch den letzten Ort vor dem Marathonziel in Oberramsern. 


Kurz vor dem 40. Kilometer werden wir immer noch tüchtig unterstützt.


Und beim Gasthof Löwen in Balm geht es zum letzten Mal in die Dunkelheit hinaus.


Fränzis Mann versorgt uns erneut mit Cola. Wir behalten das koffeinhaltige Getränk eine Weile im Mund und profitieren von einem sofortigen Energie-Schub.
So bleiben wir auf den letzten beiden Kilometern wach und können einen vorsichtigen Endspurt anziehen.


Die Lichter von Oberramsern rücken näher. 
Wir haben die Teilstrecke 1 des Bieler 100 km Laufes bewältigt. 
Den Ultra-Läufern stehen noch 57.8 Kilometern bevor!!! 
Und wir sind dabei anzukommen. 
Irgendwie möchte ich gerne weiterlaufen, 
wissen, wie es ist, bis zum Morgengrauen unterwegs zu sein!

Doch jetzt will ich die Zielankunft mit Fränzi geniessen! 
Wir sind erleichtert, stolz, zufrieden, dankbar, überwältigt und müde zugleich, während wir unter dem Lichterbogen hindurch spurten.

Ein paar Meter weiter wartet Regula. 
Sie sitzt ebenso fröhlich und bewegt am Strassenrand.
Überglücklich gratulieren wir einander.
Wir haben es geschafft!
Was ist das für eine geniale, aussergewöhnliche Nacht!


Ein Helfer hat bereits unsere Rucksäcke hervorgesucht.
Der Chip wird von der Startnummer abgenommen.
Und wir dürfen wählen, ob wir eine Medaille oder einen Gutschein für einen Imbiss im Festzelt als Finisher-Geschenk möchten.
Wir wählen alle die Medaille als Andenken an die "Nacht der Nächte".
Ein schmuckes Bauernhaus aus Jens ziert diese.


Schnell schlüpfen wir ins trockene Lauftage-Shirt und warme Jacken. 
Dann haben meine Mitläuferinnen nur einen Wunsch - ab nach Hause und ins Bett.
Fränzis Mann erwartet uns mit dem Auto.

Kaum eine halbe Stunde nach Zielankunft erfrische ich mich zuhause unter der Dusche.
Andi steht kurz auf und gratuliert mir schlaftrunken.
Dann bin ich wieder alleine mit meinen Erinnerungen an diesen Lauf der mit nichts anderem zu vergleichen ist, das ich bisher erlebt habe!

Der Nachtmarathon hat mich verzaubert.

Bis der Adrenalin-Spiegel in meinem Blut etwas gesunken ist, stärke ich mich mit Sandwiches und einem alkoholfreien Bier, schaue mir die verwackelten Nachtbilder an und versuche diesen Marathon ein wenig zu begreifen.

Erst als der Morgenhimmel in allen Pastellfarben schimmert und die Vögel zu singen beginnen, lege ich mich für eine Weile hin.
Ob der Sieger des 100 km Laufes das Ziel bereits erreicht hat?

Um halb acht bin ich schon wieder wach und munter.
Regula offenbar auch. 
Sie hat sogar die Rangliste studiert, obwohl uns die Zielzeit gar nicht wichtig war.

Unglaublich!

Wir lätti runners beanspruchen das ganze W45-Podest.
Regula belegt den 1. Platz.
Fränzi und ich erreichten mit der auf die Zehntels-Sekunde identischen Zeit 
den 2. Rang!

Das ist in der Tat unglaublich - ein wunderschönes, wahres Märchen - das zu dieser magischen Nacht passt.

Nachtmarathon Bieler Lauftage 4:47:28.2
6:49 Min./km / Puls 138
1. Halbmarathon 2:14:36
2. Halbmarathon 2:32:51

+/- 285 hm / 17° klare, mondlose Nacht, hohe Luftfeuchtigkeit
unterwegs von 22:15 bis 3:02 Uhr
2. von 9 W45 / 20. von 36 Frauen 
Track http://connect.garmin.com/activity/324371949

Kommentare:

  1. Herzliche Gratulationen zum Finish. Eine tolle Leistung, so kurz nach einem Marathon.
    Beim Lesen deines Berichtes habe ich mir vorgenommen, diesen Marathon irgendwann nochmals zu wiederholen.
    Schliesslich ist es wirklich ein einzigartiges Erlebnis.

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    1. Hallo Martin
      Danke vielmals, ich hatte grossen Respekt, zwei Erlebnis-Marathons innerhalb einer Woche zu laufen. Umso mehr war ich erstaunt, dass dies so einfach möglich war ;-)
      Der Nachtmarathon ist wirklich mit nichts zu vergleichen! Schön, dass mein Bericht dich überzeugt, nach Biel zurückzukehren!
      Gruss Marianne

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  2. Hallo Marianne,
    habe bisher gelegentlich als "stille Leserin" Deine Texte und Bilder genossen. Heute möchte ich doch auch einmal schreiben, wie gern ich bei Dir lese, es macht Spaß und man erlebt Deine Läufe richtig mit! Auch der zu Biel ist wieder sehr gelungen, macht Laune, diesen Lauf doch auch einmal anzugehen.
    Ich freue mich darauf, auch weiterhin von Dir zu lesen!
    Liebe Grüße!
    Elke

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    1. Hallo Elke
      Dass du dich meldest, freut mich sehr! Es ist schön zu lesen, dass meine Lauf- und Landschaftsfotos Anklang finden und die Berichte Freude bereiten!
      Und noch besser ist, wenn ich dich dazu motivieren kann, in Biel mit dabei zu sein. Es wäre schön, wenn wir einander über den Weg laufen würden. Ich glaube, ich muss nächstes Jahr noch einmal nach Biel!
      Liebe Grüsse
      Marianne

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